Die Schweiz stärkt ihren Einfluss im globalen Tourismus durch eine Partnerschaft mit dem WTTC
Die nationale Schweizer Tourismusorganisation Switzerland Tourism ist dem World Travel & Tourism Council als Destinationspartner beigetreten und sendet damit eine klare Botschaft, dass das Land eine aktivere Rolle bei der Gestaltung internationaler Tourismuspolitik und Entwicklungsstandards spielen möchte. Laut einer Veröffentlichung des spezialisierten Portals eTurboNews vom 5. Mai 2026 ist dieser Schritt als strategische Positionierung eines Landes zu betrachten, das sich seit Jahren als Beispiel für eine Destination darstellen möchte, die hohe Servicequalität, den Schutz natürlicher Ressourcen und ein verantwortungsvolles Management touristischer Ströme verbindet. Die Partnerschaft kommt zu einem Zeitpunkt, in dem sich der globale Tourismus erneut in einer Phase starken Wachstums befindet, zugleich aber aufgrund des Klimawandels, des Arbeitskräftemangels, veränderter Konsumgewohnheiten und der immer ausgeprägteren Debatte über Übertourismus unter zunehmendem Druck steht.
Der World Travel & Tourism Council, bekannt unter der Abkürzung WTTC, ist eine internationale Organisation, die führende Akteure des Privatsektors in Reise und Tourismus zusammenbringt. Die Organisation gibt an, dass ihre Mitglieder und Partner mehr als 200 Chief Executive Officers, Verwaltungsratspräsidenten und Führungskräfte großer Tourismusunternehmen aus verschiedenen Teilen der Welt umfassen und dass ihre Forschung die wirtschaftlichen Auswirkungen des Tourismus in 184 Ländern und Volkswirtschaften abdeckt. In einem solchen Umfeld bedeutet der Eintritt von Switzerland Tourism als Destinationspartner nicht nur eine weitere formale Mitgliedschaft, sondern den Zugang zu einem Netzwerk, in dem über Investitionen, Nachhaltigkeit, Arbeitskräfte, Destinationsmanagement und das Verhältnis des Tourismussektors zur öffentlichen Politik diskutiert wird.
Für die Schweiz, ein Land, dessen touristische Identität seit Langem auf alpinen Landschaften, Bahnverbindungen, Städten mit hoher Lebensqualität, kulturellem Erbe und ganzjährigen Erlebnissen aufgebaut ist, hat die Partnerschaft mit dem WTTC sowohl eine reputationsbezogene als auch eine operative Dimension. Reputationsbezogen bestätigt sie die Ambition, dass Unterkünfte und das touristische Angebot in der Schweiz im Kontext von Nachhaltigkeit und hoher Wertschöpfung betrachtet werden und nicht nur anhand der Zahl der Ankünfte. Operativ eröffnet sie Raum für den Austausch von Daten, Politikansätzen und Erfahrungen mit anderen Destinationen sowie großen Unternehmen, die globale Tourismustrends stark beeinflussen.
Die Partnerschaft kommt in einem Moment starker touristischer Erholung
Der Schweizer Tourismus verzeichnete in den letzten Jahren sehr starke Ergebnisse. Das Bundesamt für Statistik der Schweiz gab bekannt, dass der Hotelsektor im Jahr 2024 den Rekordwert von 42,8 Millionen Übernachtungen erreichte, was 2,6 Prozent mehr war als im Jahr 2023. Die inländische Nachfrage blieb dabei mit 20,9 Millionen Übernachtungen stabil, während das Wachstum insbesondere von internationalen Gästen getragen wurde. Nach den neuesten verfügbaren Daten, die für den Beginn des Jahres 2026 veröffentlicht wurden, verzeichneten Schweizer Hotels im Januar und Februar 2026 6,7 Millionen Übernachtungen, was 2,8 Prozent mehr ist als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Diese Daten zeigen, dass das Land nicht nur mit der Rückkehr der Nachfrage nach pandemiebedingten Störungen konfrontiert ist, sondern auch mit der Herausforderung, wie Wachstum langfristig gesteuert werden soll.
Genau das ist die zentrale Frage für viele europäische Destinationen. Tourismus kann Einnahmen erhöhen, Beschäftigung fördern und lokale Lieferanten unterstützen, aber ohne sorgfältiges Management kann er Infrastruktur, Wohnen, Umwelt und das Alltagsleben der Bevölkerung belasten. Die Schweiz versucht in diesem Sinne, ein Modell zu vermeiden, bei dem Erfolg fast ausschließlich mit Massenhaftigkeit verbunden ist. Stattdessen wird der Schwerpunkt zunehmend auf längere Aufenthalte, qualitativ hochwertigere Ausgaben, die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Aufenthalte außerhalb der am stärksten belasteten Saisons und die Einbeziehung lokaler Kultur in das touristische Produkt gelegt.
Ein solcher Ansatz fügt sich in die Strategie ein, die Switzerland Tourism seit Jahren durch das Programm Swisstainable entwickelt. Das Programm basiert auf der Idee, dass nachhaltiges Reisen nicht bedeuten muss, auf Qualität zu verzichten, sondern eine überlegtere Art des Aufenthalts in einer Destination: längeres Verweilen, ein tieferes Kennenlernen des lokalen Umfelds, die Nutzung regionaler Produkte und Erlebnisse sowie die Verringerung des Drucks auf die empfindlichsten Räume. Für Besucher, die eine Reise planen, bedeutet dies, dass Unterkunftsangebote in Schweizer Destinationen immer häufiger in einem breiteren Kontext von Verkehr, lokaler Ernährung, kulturellen Inhalten und Umweltauswirkungen präsentiert werden.
Nachhaltigkeit als Teil der Tourismuspolitik und nicht nur als Marketingbotschaft
Die Schweizer Tourismuspolitik hatte Nachhaltigkeit bereits früher als eine der wichtigsten Entwicklungsrichtungen festgelegt. Der Bundesrat verabschiedete am 10. November 2021 die Tourismusstrategie des Bundes, die die Grundlage der eidgenössischen Tourismuspolitik bildet. In dieser Strategie werden die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Unternehmen, die Förderung des Unternehmertums, die Nutzung der Digitalisierung und die Unterstützung einer nachhaltigen Entwicklung hervorgehoben. Damit wurde Nachhaltigkeit formell Teil des öffentlich-politischen Rahmens und nicht nur ein Element der Tourismuswerbung.
Das Programm Swisstainable operationalisiert diese Richtung zusätzlich. Nach Angaben Schweizer Institutionen und Tourismusorganisationen besteht das Ziel des Programms darin, die Sichtbarkeit konkreter nachhaltiger Maßnahmen im Tourismus zu erhöhen, die Vergleichbarkeit verschiedener Dienstleister zu ermöglichen und Destinationen dazu anzuregen, ihre touristischen Produkte verantwortungsvoller zu entwickeln. Das Programm bezieht sich nicht nur auf Hotels oder einzelne Attraktionen, sondern hat sich auch auf die Ebene der Destinationen ausgeweitet, was wichtig ist, weil die tatsächliche Wirkung des Tourismus meist genau auf lokaler Ebene gemessen wird: im Verkehr, beim Wasser- und Energieverbrauch, in der Raumbewirtschaftung, im Verhältnis zur Bevölkerung und in der Saisonalität.
Der Eintritt von Switzerland Tourism in den WTTC kann daher als Versuch interpretiert werden, nationale Erfahrung in einen internationalen Beitrag umzuwandeln. Die Schweiz ist nicht der größte Tourismusmarkt der Welt, verfügt aber über eine starke Marke, entwickelte Infrastruktur und eine lange Tradition im Management von Destinationen, die von natürlichen Ressourcen abhängen. Gerade alpine Gebiete gehören zu den Räumen, die besonders empfindlich gegenüber Klimawandel, Veränderungen der Schneesaisons und Druck auf die Landschaft sind. Wenn das Land seinen Status als eine der bekanntesten europäischen Destinationen behalten möchte, muss es gleichzeitig das schützen, worauf dieser Status beruht.
Der WTTC betont zunehmend das Destinationsmanagement
Der WTTC erweitert in den letzten Jahren seinen Fokus immer stärker vom allgemeinen wirtschaftlichen Beitrag des Tourismus auf Fragen der Nachhaltigkeit, Widerstandsfähigkeit und des Destinationsmanagements. Die Organisation veröffentlicht regelmäßig Berichte über die wirtschaftlichen Auswirkungen von Reise und Tourismus, aber auch Analysen zum ökologischen und sozialen Fußabdruck des Sektors, zu Netto-Null-Emissionen, nachhaltigem Flugkraftstoff, positivem Einfluss auf die Natur und Destinationsmanagement. Laut WTTC umfassen seine Forschungen nicht nur den Gesamtbeitrag des Tourismus zu BIP und Beschäftigung, sondern auch Daten zu Ausgaben internationaler und inländischer Besucher, Investitionen, Steuereffekten und Umweltindikatoren.
Für Destinationen wie die Schweiz ist das Thema des sogenannten Destination Stewardship besonders wichtig, also des Destinationsmanagements in einer Weise, die die Interessen von Reisenden, Wirtschaft, Bevölkerung und Umwelt berücksichtigt. In früheren Berichten betonte der WTTC, dass sich Destinationen nicht nur auf Promotion und Wachstum der Ankünfte verlassen können, sondern klare Mandate, hochwertige Daten, Koordination der Interessengruppen und langfristige Pläne entwickeln müssen. In der Praxis bedeutet dies, dass Tourismus nicht von Verkehrspolitik, Raumplanung, Energie, Arbeitsmarkt und Wohnen getrennt sein darf.
Die Schweiz hat in diesem Bereich mehrere Vorteile. Ein dichtes öffentliches Verkehrsnetz, international anerkannte Bahnerlebnisse, starke regionale Marken und vergleichsweise gut entwickelte lokale Institutionen schaffen Bedingungen für Tourismus, der sich nicht vollständig auf Automobilmobilität oder kurze, intensive Besuche nur der bekanntesten Orte stützen muss. Es gibt jedoch auch Herausforderungen: hohe Preise, starke internationale Konkurrenz, die Abhängigkeit eines Teils der Bergdestinationen von winterlichen Bedingungen und die Notwendigkeit einer gleichmäßigeren Verteilung der Vorteile des Tourismus.
Hoher Wert statt Wettlauf um Massenhaftigkeit
Eine der zentralen Botschaften der Partnerschaft mit dem WTTC ist, dass die Schweiz an der Debatte über Tourismus teilnehmen möchte, der größeren Wert schafft, aber nicht zwangsläufig den Druck auf Destinationen im gleichen Tempo erhöht. Der Begriff hochwertiger Tourismus wird häufig fälschlicherweise ausschließlich auf Luxus reduziert. Im weiteren Sinne handelt es sich um ein Modell, in dem Besucher länger bleiben, mehr lokale Dienstleistungen nutzen, außerhalb der am stärksten belasteten Zeiträume reisen und ein größeres Interesse an authentischen Erlebnissen haben. Ein solches Modell kann für Destinationen nützlich sein, weil Einnahmen nicht nur an die Zahl der Ankünfte gebunden sind, sondern an die Qualität der Ausgaben und die breitere Einbindung der lokalen Wirtschaft.
Im Schweizer Fall bedeutet dies die Förderung ganzjähriger Erlebnisse, darunter Wandern, Bahnreisen, Kulturrouten, Städtetourismus, Kongressangebote, Wellness, Gastronomie und Aufenthalte in kleineren Orten. Dadurch wird die Abhängigkeit von einzelnen Saisons und den bekanntesten touristischen Punkten verringert. Besucher, die Unterkünfte in der Nähe schweizerischer Berg- und Stadtattraktionen suchen, werden immer häufiger auf Pakete ausgerichtet, die lokalen Verkehr, regionale Lebensmittel und Aktivitäten einschließen, die den Raum weniger belasten.
Ein solcher Ansatz entspricht zugleich den Veränderungen in den Erwartungen der Reisenden. Nach der Pandemie, aber auch wegen des wachsenden Bewusstseins für die klimatischen und sozialen Auswirkungen des Reisens, sucht ein Teil des Marktes immer stärker nach klareren Informationen über Nachhaltigkeit, Möglichkeiten des Reisens mit dem Zug, lokale Erlebnisse und das Verhältnis der Destination zur Bevölkerung. Switzerland Tourism versucht durch Swisstainable genau diese Elemente in ein erkennbares System zu verwandeln und nicht in eine Reihe unzusammenhängender Marketingbotschaften. Die Partnerschaft mit dem WTTC kann die Sichtbarkeit eines solchen Modells bei globalen Tourismusunternehmen, Investoren und Entscheidungsträgern zusätzlich erhöhen.
Die wirtschaftliche Dimension bleibt entscheidend
Obwohl in öffentlichen Debatten häufig Nachhaltigkeit betont wird, bleibt der Tourismus weiterhin eine starke wirtschaftliche Frage. Der WTTC hebt in seinen globalen Berichten hervor, dass Reise und Tourismus einer der größten Wirtschaftssektoren der Welt sind, mit großem Einfluss auf Beschäftigung, Investitionen, Steuereinnahmen und verbundene Industrien. Für die Schweiz ist Tourismus besonders wichtig in Regionen, in denen andere wirtschaftliche Aktivitäten einen begrenzteren Spielraum für Wachstum haben. Hotels, Restaurants, Verkehr, kulturelle Institutionen, Handel, lokale Lebensmittelproduzenten und Erlebnisanbieter hängen häufig von stabilem touristischem Verkehr ab.
Der wirtschaftliche Effekt kann jedoch nicht mehr getrennt von den Kosten betrachtet werden. Wenn das Wachstum der Besuche Druck auf Wohnpreise, Verkehrsstaus, Umwelt oder Arbeitskräfte erzeugt, kann ein Teil des Nutzens durch soziale Unzufriedenheit und eine langfristige Schwächung der Destinationsqualität aufgehoben werden. Deshalb wird im modernen Tourismus zunehmend ein Gleichgewicht zwischen Einnahmen, Lebensqualität der lokalen Bevölkerung und Ressourcenschutz gesucht. Gerade in diesem Bereich versucht der WTTC, internationale Rahmen, Daten und Praxisbeispiele anzubieten, während Destinationen wie die Schweiz mit eigener Erfahrung beitragen können.
Der Schweizer Ansatz lässt sich nicht einfach auf alle Länder übertragen. Ein hohes Infrastrukturniveau, wirtschaftliche Stabilität, eine starke Marke und geografische Besonderheiten geben der Schweiz Vorteile, die viele Destinationen nicht haben. Dennoch kann ihr Beispiel in einem breiteren Sinne relevant sein: Es zeigt, wie touristische Wettbewerbsfähigkeit zunehmend mit Managementqualität, Transparenz, Nachhaltigkeit und der Fähigkeit verbunden wird, Besuchern Erlebnisse anzubieten, die nicht nur kurzfristiger Verbrauch von Raum sind.
Eine globale Bühne für eine nationale Tourismusstrategie
Die Partnerschaft von Switzerland Tourism mit dem WTTC kommt vor einem Zeitraum, in dem sich der internationale Tourismussektor intensiv mit Fragen der Arbeitskräfte, Investitionen, Klimaanpassung und technologischen Transformation beschäftigen wird. Globale WTTC-Treffen bringen Vertreter von Regierungen, Privatsektor, Destinationsorganisationen und internationalen Institutionen zusammen, und der nächste große globale Gipfel wurde für Oktober 2026 in Valletta auf Malta angekündigt. Für Destinationspartner sind solche Foren nicht nur eine Werbemöglichkeit, sondern ein Raum für Einfluss auf Themen, die die Regeln und Erwartungen im Sektor prägen werden.
In diesem Sinne kann der Schritt von Switzerland Tourism auch als Form touristischer Diplomatie betrachtet werden. Das Land möchte in Diskussionen darüber sichtbarer sein, wie Reisen wachsen können, ohne dabei die natürlichen und gesellschaftlichen Grundlagen zu zerstören, auf denen sie beruhen. Dies ist besonders wichtig für Destinationen, die ihre Zukunft nicht auf einer immer größeren Zahl kurzer Besuche aufbauen möchten, sondern auf durchdachterer Entwicklung, höherem Wert pro Reise und langfristigem Marktvertrauen.
Für Reisende und die Tourismusindustrie wird die praktische Folge dieser Partnerschaft nicht über Nacht sichtbar sein. Es handelt sich nicht um eine Entscheidung, die unmittelbar Preise, das Einreiseregime ins Land oder Aufenthaltsregeln ändert. Aber sie zeigt eine Richtung: Unterkünfte für Besucher der Schweiz und das gesamte touristische Angebot werden immer stärker durch das Prisma von Nachhaltigkeit, Qualität, Verkehrsanbindung und verantwortungsvollem Umgang mit Destinationen präsentiert werden. In einer Industrie, in der Reputation über Jahre aufgebaut wird und sehr schnell beschädigt werden kann, möchte die Schweiz offensichtlich zu denjenigen gehören, die nicht warten, bis sich globale Regeln ändern, sondern an deren Gestaltung mitwirken.
Quellen:
- eTurboNews – Veröffentlichung über den Eintritt von Switzerland Tourism in den WTTC als Destinationspartner
- World Travel & Tourism Council – Angaben zur Organisation, Mitgliedschaft und zum Tätigkeitsbereich des WTTC
- WTTC – Überblick über Forschungen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen von Reise und Tourismus
- WTTC Research Hub – Bericht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Tourismus in der Schweiz
- Switzerland Tourism – Informationen zum Programm Swisstainable und zu nachhaltigem Reisen in der Schweiz
- Schweizer Bundesplattform für kleine und mittlere Unternehmen – Informationen zum Programm Swisstainable Destination
- SECO – Tourismusstrategie des Bundes
- Bundesamt für Statistik der Schweiz – offizielle Daten zu Tourismus und touristischer Beherbergung
- Bundesamt für Statistik der Schweiz – Mitteilung zu rekordhohen Hotelübernachtungen im Jahr 2024
- Bundesamt für Statistik der Schweiz – Daten zur Hotelbeherbergung für den Beginn des Jahres 2026