Sport

Deutschlands Spitzensport-Reform: neue Agentur, mehr Kontrolle und der Kampf um Olympiamedaillen

Deutschland treibt im Bundestag eine umfassende Reform des Spitzensports voran. Eine neue unabhängige Agentur soll künftig Fördermittel für Verbände und Athleten steuern, Strukturen bündeln, öffentliche Ausgaben transparenter machen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit vor einer möglichen Olympiabewerbung stärken

· 11 Min. Lesezeit
Deutschlands Spitzensport-Reform: neue Agentur, mehr Kontrolle und der Kampf um Olympiamedaillen Karlobag.eu / Illustration

Deutschland ordnet das System des Spitzensports neu: Eine neue Agentur soll über Millionen für Medaillen entscheiden

Der Deutsche Bundestag hat eine neue Phase einer großen Reform des Spitzensports eröffnet. Das Unterhaus des Parlaments beriet am 22. Mai erstmals über das Sportfördergesetz der Bundesregierung, ein Gesetz, mit dem die Bundesförderung des Spitzensports erstmals einheitlich und gesetzlich geregelt sowie eine unabhängige Spitzensport-Agentur gegründet werden soll. Nach Angaben des Bundestages wurde der Entwurf nach einer einstündigen Aussprache an die Ausschüsse überwiesen, die weitere Beratung soll der Ausschuss für Sport und Ehrenamt führen. Damit tritt die Reform, über die in Deutschland seit Jahren gesprochen wird, in die parlamentarische Phase ein, und zwar zu einem Zeitpunkt, an dem die Sportpolitik immer stärker mit einer möglichen Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele verbunden wird.

Die Regierung in Berlin stellt die Reform als Antwort auf zwei Probleme dar: eine schwächere internationale Wettbewerbsfähigkeit und ein uneinheitliches, verzweigtes System öffentlicher Unterstützung. Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 gewann Deutschland laut dem offiziellen olympischen Medaillenspiegel 12 Gold-, 13 Silber- und acht Bronzemedaillen, also insgesamt 33 Medaillen, womit es den zehnten Platz in der Rangliste belegte. Dieses Ergebnis ist nicht an sich der einzige Grund für das Gesetz, es ist aber zu einem politischen Symbol einer breiteren Debatte darüber geworden, ob das bestehende Modell im Verhältnis zu dem öffentlichen Geld, das in den Sport investiert wird, ausreichend klare Wirkungen erzielt.

Die Agentur als zentrale Entscheidungsstelle

Nach dem Gesetzentwurf, den die Bundesregierung dem Bundestag vorgelegt hat, ist das zentrale Element der Reform die Gründung der Spitzensport-Agentur als Stiftung des öffentlichen Rechts. Die Agentur soll zur zentralen Institution für Analyse, Steuerung und Verteilung von Mitteln in wichtigen Bereichen des Spitzensports werden. Die Regierung behauptet, ein solches Modell solle Entscheidungen "aus einer Hand" ermöglichen, mit weniger administrativen Überschneidungen und klareren Kriterien für die Unterstützung von Verbänden, Sportlern, Sportlerinnen und dem Trainingssystem. Im Gesetzestext wird betont, dass sich die Förderung auf Potenzial und Ergebnisse stützen soll, unter Wahrung der Autonomie des Sports.

Die Agentur würde nach dem Plan der Regierung über eigene sportfachliche Expertise verfügen und schrittweise Teile der bisherigen Finanzierungsverfahren übernehmen. Die Bundesregierung erklärt, dass in einem ersten Schritt die olympische Finanzierung der Sportverbände auf die Agentur übertragen werden soll, während sie später auch auf den paralympischen und nichtolympischen Bereich ausgeweitet werden könnte. In den Dokumenten der Regierung wird besonders die Möglichkeit einer mehrjährigen und disziplinübergreifenden Finanzierung hervorgehoben, was für Verbände und Athleten eine größere Planbarkeit gegenüber den bisherigen Haushaltszyklen bedeuten soll. Die Agentur könnte auf diese Weise erstmals besonders erfolgreiche und perspektivreiche Athleten direkt unterstützen.

Im Entwurf ist auch eine Leitungsstruktur vorgesehen, die bereits politische Kontroversen ausgelöst hat. Nach einem Bericht der Zeitung Das Parlament würden zentrale Entscheidungen in der Agentur von einem zweiköpfigen Vorstand getroffen, während ein neunköpfiger Stiftungsrat die Mitglieder dieses Vorstands wählen würde. Im Stiftungsrat sollen zwei Mitglieder des Bundestages, drei Vertreter der Bundesregierung, ein Vertreter der Bundesländer und drei Vertreter des Deutschen Olympischen Sportbundes, also des DOSB, sitzen. Nach demselben Bericht dürfte der Stiftungsrat nicht direkt über die einzelne Verteilung von Mitteln entscheiden, während das dritte Gremium der Agentur, der sportfachliche Beirat, eine beratende Rolle hätte.

Der Haushalt wächst, aber die Frage ist die Steuerung

Die Reform findet nicht im luftleeren Raum statt, sondern in einem Jahr, in dem Sportposten im Bundeshaushalt politisch sichtbarer sind als zuvor. Nach einer Information des hib-Dienstes des Bundestages vom September 2025 waren im Entwurf des Bundeshaushalts für 2026 für den Sport 357,5 Millionen Euro vorgesehen. Diese Mittel wurden erstmals im Einzelplan des Bundeskanzleramtes ausgewiesen, weil der Bereich Sport nach dem Regierungswechsel aus der Zuständigkeit des Bundesministeriums des Innern in die Zuständigkeit der Staatsministerin für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt verlagert wurde. Staatsministerin Christiane Schenderlein von der CDU bezeichnete die Summe damals als Rekordniveau.

Gleichzeitig lässt sich der tatsächliche öffentliche Aufwand für das Sportsystem nicht auf einen einzigen Haushaltsposten reduzieren. Das Parlament gab in der Debatte über den Haushalt 2026 die Einschätzung der SPD-Abgeordneten Bettina Lugk wieder, dass Sport auch über andere Ressorts und Instrumente finanziert werde, darunter Sportstellen bei der Bundeswehr, der Bundespolizei, dem Zoll, Programme für die Sportjugend und Sanierungsprogramme für die Sportinfrastruktur. Nach dieser Argumentation übersteigen die Bundesinvestitionen in den Sport im Jahr 2026 eine Milliarde Euro, wenn diese Elemente zusammengerechnet werden. Gerade deshalb verschiebt sich in der politischen Debatte der Schwerpunkt immer stärker von der Frage "wie viel Geld" zur Frage "wie das Geld verteilt und gemessen wird".

Der Vorschlag der Regierung sieht auch zusätzliche Kosten für die neue Agentur selbst vor. Nach dem Gesetzentwurf würden die zusätzlichen Ausgaben von 2027 bis 2031 schrittweise steigen und nach der vollständigen Übernahme der Aufgaben ab 2031 etwa 8,4 Millionen Euro jährlich betragen. Davon würden nach Einschätzung der Regierung etwa 5,5 Millionen Euro auf Personal entfallen, der Rest auf Sachkosten und Investitionen. Der Entwurf führt zugleich aus, dass für Bürger kein zusätzlicher Verwaltungsaufwand erwartet wird, während sich für die Wirtschaft der jährliche Verwaltungsaufwand im Zusammenhang mit Informationspflichten um etwa 1,36 Millionen Euro verringern würde.

Warum die Reform als notwendig gilt

Deutschland hatte bereits 2016 versucht, das System des Spitzensports neu zu ordnen, doch die Regierung führt im neuesten Gesetzentwurf aus, dass die bisherigen Änderungen keine ausreichend tiefgreifende Modernisierung gebracht hätten. In dem Dokument wird ausdrücklich das Ziel genannt, dass Deutschland auf internationaler Ebene wieder wettbewerbsfähiger wird, einschließlich der Ambitionen, bei den Olympischen Sommerspielen unter die fünf besten Staaten und bei den Winterspielen unter die drei besten zu kommen. Nach der Begründung der Regierung bietet der bestehende Rahmen keine ausreichende Grundlage für künftige Erfolge auf höchstem Niveau, insbesondere wenn Deutschland die Chancen für ein erfolgreiches Auftreten bei möglichen Spielen im eigenen Land erhöhen will.

Der Bericht des Bundestages über die erste Beratung zeigt, dass es eine breite Übereinstimmung über die Notwendigkeit einer Reform gibt, aber nicht darüber, wie sie aussehen soll. Schenderlein bewertete das Gesetz in der Debatte als "Meilenstein", der den Sport in Deutschland wieder an die internationale Spitze zurückführen solle. Ihren Worten zufolge soll sich die Reform auf klare Zuständigkeiten, kleinere und effizientere Gremien, schnellere Entscheidungen sowie eine Finanzierung stützen, die konsequenter auf Ergebnissen und sportfachlicher Kompetenz basiert. Damit hat die Regierung das Gesetz klar mit der Erwartung einer größeren Zahl von Medaillen und besserer Leistungen bei internationalen Wettbewerben verbunden.

Ein Teil der Abgeordneten warnt jedoch, dass sich das Problem nicht nur auf die institutionelle Form reduzieren lasse. Bettina Lugk von der SPD bewertete im Bundestag, dass der deutsche Spitzensport nicht in erster Linie an Geldmangel leide, sondern an Problemen der Steuerung, Struktur und Mittelverteilung. Als Beispiel nannte sie das System der Sportzentren, das historisch gewachsen sei, nach ihrer Einschätzung aber zu fragmentiert und teilweise ineffizient sei. Für sie ist das zentrale Ziel der Reform eine klügere Konzentration der Mittel und eine bessere Ausrichtung auf die Bedürfnisse von Athleten und Trainern, nicht nur eine Erhöhung des Gesamthaushalts.

Streit um den Einfluss von Athleten und Politik

Die meisten Kontroversen ruft die Frage hervor, wer im neuen System tatsächlich Einfluss haben wird. Oppositionsabgeordnete im Bundestag kritisierten nach dem Bericht von Das Parlament, dass im vorgesehenen Stiftungsrat der Agentur kein direkter Platz für Vertreter der Athleten vorgesehen sei. Christian Görke von der Partei Die Linke erklärte, dies müsse geändert werden, und forderte zugleich auch die Vertretung des Deutschen Behindertensportverbandes. Tina Winklmann von den Grünen betonte, dass die Reform nicht glaubwürdig sein könne, wenn diejenigen, deren Karrieren am unmittelbarsten betroffen sind, in den Gremien, die das System gestalten, keine stärkere Stimme haben.

Die Grünen forderten in ihrem Antrag im Bundestag eine transparentere Finanzierung, öffentlich zugängliche Daten über Kriterien und Entscheidungen, regelmäßige Evaluation sowie eine stärkere Rolle der Athletenvertreter. Ihr Dokument warnt, dass die Bundesmittel für den Spitzensport von 2010 bis 2023 deutlich gestiegen seien, die Zahl der Medaillen und Finalplatzierungen aber nicht im Verhältnis zu diesem Wachstum zugenommen habe. Aus dieser Perspektive ist die zentrale Schwäche nicht nur die Höhe der Förderung, sondern auch die unzureichend klare Verbindung zwischen Investitionen, Zielen und Verantwortung. Die Grünen fordern deshalb, dass die Finanzierung auch mit Integrität, Gleichberechtigung, Vielfalt, Nachhaltigkeit und Schutz vor Doping und Manipulationen verknüpft wird.

Andererseits bezieht sich ein Teil der Kritik auf die Gefahr, dass die neue Agentur formal unabhängig, politisch aber zu stark überwacht sein könnte. Das Parlament berichtete, dass Stephan Mayer von der CSU der Ansicht sei, die Bundesregierung sei im Stiftungsrat zu stark vertreten und eines ihrer Mandate solle dem DOSB überlassen werden. Christian Görke von der Linken ging weiter und erklärte, ohne große Änderungen werde das Gesetz keine echte Wende bringen. Solche Einwände zeigen, dass in der Ausschussberatung voraussichtlich drei heikle Fragen aufkommen werden: der Anteil der Politik, der Anteil des organisierten Sports und die formale Rolle der Athleten.

Die Olympiabewerbung erhöht den Druck

Die Reform läuft parallel zu deutschen Plänen für eine mögliche Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044. Nach Angaben des DOSB muss Deutschland derzeit kein genaues Jahr auswählen, sondern entwickelt im Verfahren mit dem Internationalen Olympischen Komitee Konzepte und bewertet inländische Kandidaten. Der DOSB erklärte, im Prozess seien die Konzepte von Berlin, Hamburg, München und der Region Köln-Rhein-Ruhr, und die Entscheidung über das endgültige deutsche Konzept solle bis Herbst 2026 fallen. Am 3. Juni 2026 hat sich dieser Prozess zusätzlich verändert, nachdem die Wähler in Hamburg am 31. Mai bei einem Referendum die Fortsetzung der Bewerbung der Stadt abgelehnt hatten, nach Angaben des Wahlorgans und deutscher Medien.

Für die Bundesregierung ist die Sportreform auch wegen einer möglichen Bewerbung im eigenen Land wichtig. Im Gesetzentwurf heißt es, dass ein effizienteres, weniger bürokratisiertes und wettbewerbsfähigeres Fördersystem auch mit Blick auf die olympische Ambition des DOSB aufgebaut werden soll, die die Bundesregierung unterstützt. Die Logik ist politisch klar: Wenn Deutschland überzeugend die Ausrichtung der Spiele anstreben will, muss es zeigen, dass sein Spitzensport über ein System verfügt, das internationale Ergebnisse hervorbringen, Athleten schützen und der Öffentlichkeit erklären kann, warum in dieses System viel Geld investiert wird. Deshalb ist die Debatte über die Agentur nicht nur eine Verwaltungsreform, sondern auch Teil einer breiteren Strategie für das sportliche Image des Landes.

Doch die olympische Ambition erhöht zugleich die Standards für öffentliche Kontrolle. Eine Bewerbung um die Spiele umfasst gewöhnlich große Investitionen in Infrastruktur, Sicherheit, Verkehr, Werbung und Organisation. Wenn parallel dazu ein neues Modell der Finanzierung des Spitzensports eingeführt wird, haben Bürger und Parlament einen zusätzlichen Grund, klare Daten darüber zu verlangen, wer entscheidet, nach welchen Kriterien und mit welchen Ergebnissen. Gerade deshalb ist die Frage der Transparenz, die auf den ersten Blick technisch wirken kann, in der deutschen Debatte zu einem der zentralen politischen Themen geworden.

Was im Bundestag folgt

Nach der ersten Beratung setzen der Regierungsentwurf und die Oppositionsanträge ihren Weg durch die parlamentarischen Ausschüsse fort. Nach Angaben des Bundestages wird der federführende Ausschuss für das weitere Verfahren der Ausschuss für Sport und Ehrenamt sein. In diesem Verfahren sind Änderungsanträge zur Zusammensetzung der Leitungsgremien, zu den Befugnissen der Agentur, zur Rolle der Athleten, zur Veröffentlichung von Kriterien und zur Art der Kontrolle über Ergebnisse zu erwarten. Da das Gesetz auch die Frage mehrjähriger Finanzierung eröffnet, wird die Debatte zwangsläufig auch Haushaltsregeln sowie das Verhältnis zwischen Bundesregierung, Bundestag, Bundesländern und organisiertem Sport berühren.

Wenn das Gesetz in einer Form verabschiedet wird, die dem Vorschlag der Regierung nahekommt, wird Deutschland eine neue zentrale Institution für den Spitzensport erhalten, mit dem Anspruch, die Fragmentierung zu verringern und die Förderung auf Disziplinen, Verbände und Athleten mit dem größten Potenzial auszurichten. Der Erfolg der Reform wird sich jedoch nicht nur an der Gründung der Agentur messen. Er wird sich daran messen, ob Entscheidungen tatsächlich schneller, verständlicher und widerstandsfähiger gegenüber Partikularinteressen werden, ob Athleten eine klarere Stellung erhalten und ob höhere Investitionen zu besseren Bedingungen und nachhaltigeren sportlichen Ergebnissen führen. Deutschland debattiert damit nicht nur über ein neues Gesetz, sondern darüber, welche Art von Spitzensport es mit öffentlichem Geld finanzieren will.

Quellen:
- Deutscher Bundestag – Bericht über die erste Beratung zum Sportfördergesetz und die Überweisung des Entwurfs an die Ausschüsse (Link)
- Deutscher Bundestag, Drucksache 21/5921 – Regierungsentwurf des Sportfördergesetzes und Begründung der Reform (Link)
- Bundesregierung – Mitteilung über die Verabschiedung des Gesetzentwurfs im Kabinett und die Rolle der Spitzensport-Agentur (Link)
- Das Parlament – Analyse der parlamentarischen Debatte, der Zusammensetzung der Agentur und der Kontroversen um die Vertretung der Athleten (Link)
- Deutscher Bundestag / hib – Daten zum geplanten Sporthaushalt für das Jahr 2026 (Link)
- Das Parlament – Debatte über den Gesamtumfang der Sportinvestitionen im Bundeshaushalt 2026 (Link)
- DOSB – Informationen zum deutschen Verfahren für eine mögliche Bewerbung um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 (Link)
- Olympics.com – offizieller Medaillenspiegel der Olympischen Spiele in Paris 2024 (Link)
- Statistikamt Nord – Daten zum Referendum in Hamburg über die Olympiabewerbung 2026 (Link)

PARTNER

Germany

Unterkünfte prüfen
Schlagwörter Deutschland Spitzensport-Reform Bundestag Spitzensport-Agentur Olympische Spiele Sportförderung DOSB Leistungssport
EMPFOHLENE UNTERKUNFT

Germany

Unterkünfte prüfen

Newsletter — Top-Events der Woche

Eine E-Mail pro Woche: Top-Events, Konzerte, Sportspiele, Preisalarme. Sonst nichts.

Kein Spam. Abmeldung mit einem Klick. DSGVO-konform.