Nach der Entscheidung des Disziplinargremiums muss die IIHF erneut über die russischen Eishockeynationalmannschaften entscheiden
Die Internationale Eishockey-Föderation, IIHF, wird erneut prüfen müssen, ob Russland in internationale Wettbewerbe zurückkehren kann, nachdem ihr Disziplinargremium die Entscheidung des IIHF-Rates aufgehoben hat, mit der die russischen Nationalmannschaften von der Saison 2026/2027 ausgeschlossen worden waren. Laut der Mitteilung des Russischen Eishockeyverbandes vom 28. Mai 2026 nahm der Disziplinarausschuss der IIHF den Einspruch des russischen Verbandes an und kam zu dem Schluss, dass die Entscheidung vom 21. Januar 2026 nicht ausreichend begründet gewesen sei. Der russische Verband führt an, dass die vorgelegten Berichte über das Sicherheitsrisiko nicht ausreichend umfassend gewesen seien und allgemeine Formulierungen enthalten hätten, nicht aber konkrete Gründe für die Fortsetzung des Verbots.
Die Entscheidung bedeutet nicht die automatische Rückkehr der russischen Nationalmannschaften zu IIHF-Turnieren. Auch der Russische Eishockeyverband selbst erklärt in seiner Mitteilung, dass die Aufhebung der früheren Entscheidung keine unmittelbare Teilnahme Russlands an internationalen Wettbewerben garantiert und dass weitere Entscheidungen nach den Regeln der IIHF getroffen werden. Damit hat sich die rechtliche Lage der russischen Auswahlmannschaften verändert, doch der sportliche und organisatorische Status ist noch nicht endgültig geklärt. Nach den verfügbaren Informationen wird die IIHF daher die Frage eines russischen Auftritts in künftigen Wettbewerben auf neuer Grundlage prüfen müssen, unter Bewertung einzelner Turniere und Sicherheitsbedingungen.
Was aufgehoben wurde und was offen bleibt
Der IIHF-Rat entschied am 21. Januar 2026, dass russische und belarussische National- und Vereinsmannschaften für die Saison 2026/2027 nicht wieder in die IIHF-Wettbewerbe aufgenommen werden. In der damaligen Mitteilung erklärte die IIHF, dass die Sicherheitsbedingungen nach der jüngsten Risikobewertung weiterhin keine Turnierorganisation in einer Weise ermöglichten, die die Sicherheit aller Beteiligten gewährleisten würde. Gleichzeitig kündigte die Organisation an, die Möglichkeit einer schrittweisen Einbeziehung junger Spieler unter 18 Jahren aus Russland und Belarus in der Saison 2027/2028 zu prüfen, jedoch nur, wenn sich die Sicherheitsumstände wesentlich ändern.
Die aufgehobene Entscheidung bezog sich auf die Fortsetzung des Ausschlusses der russischen Nationalmannschaften von den Wettbewerben für die Saison 2026/2027 und nicht auf die automatische Ausstellung von Einladungen für einzelne Turniere. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn die IIHF-Kalender, der Wettbewerbsplan, Auf- und Abstiegssysteme sowie die organisatorischen Pflichten der Gastgeber sind keine Fragen, die sich mit einem einzigen disziplinarischen Schluss lösen lassen. In der Praxis wird die IIHF feststellen müssen, ob eine mögliche Rückkehr Russlands mit den Wettbewerbsregeln, den Meldefristen, den Sicherheitsplänen der Gastgeber und dem breiteren sportlichen Rahmen in Einklang gebracht werden kann. Besonders sensibel bleibt die Frage, ob sich die Rückkehr auf die A-Nationalmannschaften, jüngere Altersklassen, die Frauen-Nationalmannschaft oder Vereinswettbewerbe beziehen würde.
Der Russische Eishockeyverband stellt die Entscheidung als bedeutenden Schritt zur Rückkehr auf die internationale Bühne dar, betont in seiner offiziellen Mitteilung aber auch, dass das Verfahren weitergeht. Der Verband erklärte, er werde mit dem russischen Sportministerium und dem Russischen Olympischen Komitee zusammenarbeiten, um die Rückkehr der Nationalmannschaften in internationale Wettbewerbe sicherzustellen. Andererseits hat die IIHF in früheren Mitteilungen konsequent behauptet, dass die Ausschlussentscheidungen nicht auf einer sportlichen Strafe im engeren Sinne beruhen, sondern auf einer Sicherheitsbewertung und der Pflicht zum Schutz von Spielern, Offiziellen, Medien und Zuschauern.
Das Verbot besteht seit Beginn des Krieges in der Ukraine
Russland und Belarus sind seit dem 28. Februar 2022 außerhalb der IIHF-Wettbewerbe, als der IIHF-Rat nach einer außerordentlichen Sitzung beschloss, alle russischen und belarussischen Nationalmannschaften und Vereine aus allen Alterskategorien und allen Wettbewerben oder Veranstaltungen unter dem Dach der Föderation zu suspendieren. Die IIHF erklärte damals, die Entscheidung sei nach einer Bewertung der Folgen des Krieges in der Ukraine getroffen worden und ihr Ziel sei es, die Sicherheit der Meisterschaften, Teilnehmer und Fans zu gewährleisten. Mit derselben Entscheidung entzog die Organisation Russland die Ausrichtung der Junioren-Weltmeisterschaft 2023.
Im Juli 2022 wies der unabhängige Disziplinarausschuss der IIHF die Berufungen des russischen und des belarussischen Verbandes gegen die ursprüngliche Entscheidung zurück. Laut der damaligen Mitteilung der IIHF kam der Ausschuss zu dem Schluss, dass die Entscheidung des Rates keine Disziplinarsanktion, sondern eine Sicherheitspolitik gewesen sei und dass der Rat befugt gewesen sei, eine solche Maßnahme zu ergreifen. Der Ausschuss akzeptierte damals das Argument der IIHF, dass die Teilnahme russischer und belarussischer Nationalmannschaften sowie die Austragung von Wettbewerben in Russland ein unannehmbares Sicherheitsrisiko darstellen würden. IIHF-Präsident Luc Tardif erklärte damals, die Föderation sei verpflichtet, die Sicherheit und das Wohlergehen von Spielern, Personal, Offiziellen, Medien und Zuschauern zu berücksichtigen.
Seitdem hat die IIHF den Status quo mehrfach verlängert. Im Februar 2025 entschied der IIHF-Rat, dass Russland und Belarus nicht in die Saison 2025/2026 zurückkehren werden, wobei er sich erneut auf Sicherheitsbedingungen berief. In derselben Mitteilung erklärte die IIHF, sie werde spätestens im Mai 2026, vor dem Jahreskongress, erneut prüfen, ob Russland und Belarus in die Saison 2026/2027 einbezogen werden können. Die Entscheidung vom Januar 2026, die laut Mitteilung des russischen Verbandes nun vom Disziplinargremium aufgehoben wurde, war eine Fortsetzung dieser Politik.
Das Sicherheitsargument bleibt die zentrale Frage
Im Mittelpunkt des Streits zwischen der IIHF und dem Russischen Eishockeyverband steht weiterhin die Frage der Sicherheit. Seit 2022 behauptet die IIHF, dass sie unter den Umständen des Krieges in der Ukraine die Durchführung von Turnieren ohne ernsthafte Risiken für Teilnehmer und Organisatoren nicht gewährleisten könne. Der russische Verband hingegen behauptet, diese Argumente seien veraltet, nicht konkret genug und könnten die Fortsetzung des Ausschlusses nicht rechtfertigen. Im Januar 2026 teilte der russische Verband mit, er halte es für inakzeptabel, dass er nicht an der Sitzung des IIHF-Rates teilgenommen habe, auf der über die Saison 2026/2027 entschieden wurde, und kündigte eine Berufung vor dem Internationalen Sportgerichtshof an.
Die jüngste Entscheidung des Disziplinargremiums bestreitet laut russischer Mitteilung nicht unbedingt das Recht der IIHF, Sicherheit zu bewerten, sondern weist auf die unzureichende Begründung der konkreten Entscheidung hin. Das bedeutet, dass die IIHF, wenn sie die Beschränkungen beibehalten will, mit der Notwendigkeit konfrontiert sein könnte, die Risiken für einzelne Wettbewerbe detaillierter und präziser zu begründen. In einem solchen Rahmen könnten Senioren-Weltmeisterschaften, Juniorenwettbewerbe, Frauenturniere und Vereinswettbewerbe getrennt geprüft werden. Ein solcher Ansatz läge näher an einem Modell der Einzelfallbewertung statt an einem allgemeinen Verbot, das ohne zusätzliche Begründung alle Kategorien umfasst.
Sportlich gesehen könnte eine solche Entwicklung einen langen Verwaltungsprozess eröffnen. Die Ausrichter der Wettbewerbe, nationalen Verbände, Fernsehpartner und Sicherheitsdienste müssten die Zusammensetzung der Turniere rechtzeitig kennen. Die IIHF muss auch die sportliche Integrität der Wettbewerbe berücksichtigen, denn die nachträgliche Einbeziehung einer Nationalmannschaft könnte Qualifikationssysteme, Spielpläne und den Status von Nationalmannschaften beeinflussen, die inzwischen Plätze in den Turnieren eingenommen haben. Gerade deshalb bedeutet die jüngste Entscheidung nicht, dass die russische Nationalmannschaft sofort auf dem Eis erscheinen kann, sondern dass die rechtliche Grundlage der früheren Entscheidung ohne weiteres Vorgehen nicht mehr ausreicht.
Auswirkungen auf Weltmeisterschaften und den olympischen Rahmen
Derzeit läuft die Weltmeisterschaft 2026 in der Schweiz, die laut offiziellem IIHF-Kalender vom 15. bis 31. Mai in Zürich und Fribourg ausgetragen wird. Russland gehört nicht zu den Teilnehmern dieses Turniers. Laut dem offiziellen IIHF-Profil ist Russland weiterhin Mitglied der Föderation, hat den Status eines Vollmitglieds und liegt auf Platz zwei der Männer-Weltrangliste sowie auf Platz sechs der Frauen-Weltrangliste, was zeigt, wie groß die sportliche Bedeutung seiner Abwesenheit für das internationale Eishockey ist. Die Rangliste allein verleiht jedoch kein Teilnahmerecht, wenn der IIHF-Rat und die organisatorischen Wettbewerbsregeln die Teilnahme nicht ermöglichen.
Die Entscheidung des Disziplinargremiums ist besonders relevant für künftige Saisons und nicht für Turniere, die sich bereits in der Endphase der Organisation oder Durchführung befinden. Für die Saison 2026/2027 wird wichtig sein, ob die IIHF eine neue Entscheidung mit detaillierterer Begründung trifft oder den Weg für eine teilweise Rückkehr öffnet, etwa in jüngeren Kategorien. Im Januar 2026 hatte die IIHF bereits angedeutet, dass die Möglichkeit der Einbeziehung von Spielern unter 18 Jahren für die Saison 2027/2028 geprüft werden könnte, bei ständiger Bewertung der Sicherheitsbedingungen. Diese Formulierung deutet darauf hin, dass die Föderation bereits vor der jüngsten Entscheidung zwischen einer vollständigen Rückkehr der A-Nationalmannschaft und einer begrenzten Rückkehr jüngerer Altersgruppen unterschied.
Der olympische Rahmen ist getrennt, aber mit den Entscheidungen der IIHF verbunden. Für die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 behielt das Internationale Olympische Komitee das Modell individueller neutraler Sportler für Personen mit russischem oder belarussischem Pass bei, die sich qualifizieren und strenge Kriterien erfüllen. Nach den Regeln des IOC dürfen Mannschaften von Sportlern mit russischem oder belarussischem Pass bei diesen Spielen nicht antreten, was Eishockeynationalmannschaften als nationale Teams in der Praxis ausschließt. Das bedeutet, dass eine mögliche Statusänderung innerhalb der IIHF den olympischen Status für bereits ausgetragene oder bereits definierte olympische Turniere nicht automatisch ändern würde.
Breiterer Kontext für das internationale Eishockey
Das russische Eishockey hat im internationalen System erhebliches sportliches Gewicht. Nach Angaben der IIHF verfügt Russland über mehr als 90.000 registrierte Spieler, eine große Zahl von Hallen und eine lange Geschichte von Auftritten auf höchstem Niveau. Seine Abwesenheit hat das Wettbewerbsgleichgewicht der Weltmeisterschaften, der Olympiaqualifikationen und der jüngeren Kategorien beeinflusst. Gleichzeitig hängen Rückkehrentscheidungen nicht nur von sportlichen Kriterien ab, sondern auch vom politischen und sicherheitspolitischen Umfeld nach der russischen Invasion in der Ukraine, die internationale Sportorganisationen seit 2022 als Grundlage für eine Reihe restriktiver Maßnahmen herangezogen haben.
Für die IIHF ist die jüngste Entwicklung rechtlich sensibel, weil sie ihre eigenen Statuten, Sicherheitsbewertungen und die Erwartungen der Mitglieder miteinander in Einklang bringen muss. Wenn Entscheidungen auf Grundlage der Sicherheit getroffen werden, müssen sie konkret genug sein, um internen Rechtsverfahren und möglichen externen Schiedsverfahren standzuhalten. Wenn sich hingegen ein Weg zur Rückkehr öffnet, wird die IIHF Bedingungen, Umfang und Fristen festlegen müssen, einschließlich der Frage des neutralen Status, der Symbole, Hymnen, Reisen, Unterbringung und Spielsicherheit. Nach der bisherigen Praxis des IOC in anderen Sportarten sind individueller neutraler Status und das Verbot nationaler Symbole zu einem der Modelle für russische und belarussische Sportler geworden, doch Eishockey als Mannschaftssport hat zusätzliche organisatorische und politische Komplexitäten.
Für die russische Seite stellt die Entscheidung des Disziplinargremiums einen seltenen prozeduralen Erfolg im Streit mit der internationalen Föderation dar. Dennoch bleibt der Unterschied zwischen der Aufhebung einer Entscheidung und der tatsächlichen Rückkehr zu Turnieren entscheidend. Nach den verfügbaren offiziellen Informationen ist noch nicht bestätigt, bei welchem Turnier die russische Nationalmannschaft auftreten könnte, unter welchen Bedingungen und in welchem Zeitraum. Solange die IIHF keine neue Entscheidung trifft oder keinen detaillierten Handlungsplan veröffentlicht, bleiben die russischen Nationalmannschaften außerhalb der aktuellen Wettbewerbspläne, und die Frage ihrer Rückkehr wird weiterhin durch rechtliche, sicherheitsbezogene und sportliche Verfahren gelöst.
Quellen:
- Russian Ice Hockey Federation – Mitteilung vom 28. Mai 2026 über die Annahme des Einspruchs und die Aufhebung der Entscheidung des IIHF-Rates (link)
- International Ice Hockey Federation – Mitteilung vom 22. Januar 2026 über den Status der russischen und belarussischen Mannschaften für die Saison 2026/2027 (link)
- International Ice Hockey Federation – Entscheidung des IIHF-Rates vom 28. Februar 2022 über die Suspendierung Russlands und Belarus aus den Wettbewerben (link)
- International Ice Hockey Federation – Entscheidung des Disziplinarausschusses vom 5. Juli 2022 über die Zurückweisung der Berufungen Russlands und Belarus (link)
- International Ice Hockey Federation – Mitteilung vom 4. Februar 2025 über die Fortsetzung des Ausschlusses für die Saison 2025/2026 (link)
- International Ice Hockey Federation – offizielles Profil Russlands als IIHF-Mitglied und Angaben zu Rangliste, Spielern und Mitgliedsstatus (link)
- International Ice Hockey Federation – offizieller Kalender und Spielplan der Weltmeisterschaft 2026 in der Schweiz (link)
- International Olympic Committee – offizielle Fragen und Antworten zu Sanktionen, zum Status russischer und belarussischer Sportler sowie zum Modell individueller neutraler Sportler (link)