IIHF muss erneut über Russland entscheiden: frühere Sperre aufgehoben, aber Rückkehr ist nicht automatisch
Der Internationale Eishockeyverband (IIHF) wird die Möglichkeit einer Teilnahme russischer Nationalmannschaften und Klubs an seinen Wettbewerben in der Saison 2026/2027 erneut prüfen, nachdem der Disziplinarausschuss des Verbandes eine frühere Entscheidung des IIHF-Rates zur Fortsetzung des Ausschlusses aufgehoben hat. Laut der am 29. Mai 2026 veröffentlichten Mitteilung der IIHF gilt die am 21. Januar dieses Jahres getroffene Entscheidung in ihrer bisherigen Form nicht mehr, doch das bedeutet nicht, dass russische Mannschaften automatisch in internationale Wettbewerbe zurückgekehrt sind. Der Verband erklärte, dass der Rat zusätzliche Informationen sammeln und anschließend von Fall zu Fall über die russische Teilnahmeberechtigung für einzelne Wettbewerbe entscheiden werde.
Die Entscheidung ist wichtig, weil sie ein neues Kapitel in einer der sensibelsten sportlichen Fragen seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 eröffnet. Russische und belarussische Nationalmannschaften sind seither aus dem Wettbewerbsprogramm der IIHF ausgeschlossen, und der Verband hat seine Entscheidungen regelmäßig mit Sicherheitsrisiken, dem Schutz der Beteiligten und der Möglichkeit einer ordnungsgemäßen Organisation von Turnieren begründet. Die neueste Entwicklung hebt diese Gründe nicht auf, zeigt aber, dass das interne Berufungsgremium der IIHF zu der Einschätzung gelangte, dass die frühere Entscheidung des Rates ohne zusätzliche Begründung und neue Bewertung nicht in Kraft bleiben konnte.
Was der Disziplinarausschuss der IIHF genau entschieden hat
Nach der offiziellen Veröffentlichung der IIHF analysierte der Rat des Verbandes am 21. Januar 2026 erneut die Situation im Zusammenhang mit einer möglichen Rückkehr russischer Nationalmannschaften und Klubs in die Wettbewerbe der Saison 2026/2027. Damals wurde festgestellt, dass Russland aus Sicherheitsgründen nicht reintegriert werden könne. Der Russische Eishockeyverband legte anschließend Berufung beim Disziplinarausschuss der IIHF ein, und dieser Ausschuss hob am 25. Mai 2026 die vorherige Entscheidung des Rates auf.
Die IIHF erklärt in ihrer Mitteilung ausdrücklich, dass die Aufhebung keine automatische Rückkehr Russlands bedeutet. Die Angelegenheit wurde zur erneuten Prüfung an den IIHF-Rat zurückverwiesen, und zwar auf Grundlage von Sicherheits-, Betriebs- und Sportplänen. Das bedeutet, dass die Entscheidung nicht mehr nur als allgemeine Sperre für die gesamte Saison betrachtet wird, sondern als ein Prozess, in dem jeder künftige Wettbewerb, seine Organisatoren, der Austragungsort, Sicherheitsmaßnahmen, Zeitplan, Teilnehmer und mögliche Risiken für Spieler, Offizielle, Fans und Freiwillige gesondert analysiert werden.
Ein solcher Ansatz lässt Raum für unterschiedliche Ergebnisse. Theoretisch könnte eine russische Mannschaft für einen Wettbewerb zugelassen werden, wenn die IIHF bewertet, dass die Bedingungen erfüllt sind, gleichzeitig aber für einen anderen abgelehnt werden, wenn die organisatorischen oder sicherheitsbezogenen Bedingungen anders sind. In der Praxis bedeutet dies, dass die endgültige Entscheidung über die Rückkehr von neuen Bewertungen des IIHF-Rates abhängt und nicht vom Erfolg der russischen Berufung selbst.
Der russische Verband behauptet, die Sperre sei nicht ausreichend begründet
Der Russische Eishockeyverband gab bekannt, dass der Disziplinarausschuss der IIHF seiner Beschwerde stattgegeben und die Entscheidung des Rates vom Januar 2026 aufgehoben habe, mit der russische Nationalmannschaften von den Wettbewerben der Saison 2026/2027 ausgeschlossen worden waren. Nach dieser Veröffentlichung war der Grund für die Aufhebung die Schlussfolgerung, dass die IIHF keine ausreichend ausführliche Begründung für die Fortsetzung der Sperre geliefert habe. Der russische Verband behauptet, die vorgelegten Berichte über Sicherheitsrisiken seien allgemein gehalten und unzureichend ausgearbeitet gewesen.
Dieselbe Quelle räumt jedoch ein, dass die Aufhebung der Entscheidung keine sofortige Rückkehr russischer Nationalmannschaften garantiert. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einem rechtlichen Erfolg im Berufungsverfahren und einer tatsächlichen Rückkehr aufs Eis in Wettbewerben unter dem Dach der IIHF. Der Russische Eishockeyverband kündigte die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit dem russischen Sportministerium und dem Russischen Olympischen Komitee an, um für die Rückkehr seiner Mannschaften in das internationale Programm zu kämpfen.
Reuters berichtete unter Berufung auf Aussagen des russischen Sportministers Michail Degtjarjow, der Minister habe die Entscheidung als Ergebnis fortgesetzter juristischer Arbeit beschrieben. Degtjarjow, der zugleich an der Spitze des Russischen Olympischen Komitees steht, erklärte, der Disziplinarausschuss habe die Argumente für die Fortsetzung der Sperre auf Grundlage der mit ihrer Aufhebung verbundenen Risiken als unzureichend bewertet. Solche Äußerungen zeigen, dass Moskau die Entscheidung als wichtigen sportrechtlichen Fortschritt sieht, obwohl die IIHF selbst betont, dass die Rückkehr noch nicht genehmigt wurde.
Warum die IIHF im Januar an der Sperre festhielt
Die Januar-Entscheidung der IIHF war eine Fortsetzung der Politik, die der Verband seit 2022 verfolgt. In der damaligen Mitteilung erklärte der Rat, dass er nach einer detaillierten Risikobewertung weiterhin der Ansicht sei, dass es nicht sicher sei, russische und belarussische nationale und Klubmannschaften in die Meisterschaften der Saison 2026/2027 zurückzuführen. Nach Angaben der IIHF ermöglichten die damaligen Sicherheitsbedingungen keine Organisation von Turnieren in einer Weise, die die Sicherheit aller Beteiligten gewährleisten würde.
Die IIHF ließ im Januar zugleich die Möglichkeit offen, künftig die Rückkehr jüngerer Spieler, insbesondere der Kategorie unter 18 Jahren, für die Saison 2027/2028 zu prüfen. Auch diese Möglichkeit ist an die weitere Beobachtung der Sicherheitslage und die Risikobewertung geknüpft. Der Verband teilte damals mit, dass er die Entwicklung der Lage weiter überwachen und Sicherheitsanalysen durchführen werde, wobei die Sicherheit der Teilnehmer und die ordnungsgemäße Organisation der Wettbewerbe als Priorität bezeichnet wurden.
Gerade dieser Unterschied ist wichtig für das Verständnis der neuesten Entscheidung. Der Disziplinarausschuss ordnete keine Rückkehr Russlands an, sondern stellte fest, dass die vorherige Entscheidung erneut analysiert und besser begründet werden müsse. Damit kehrt die rechtliche Last zum IIHF-Rat zurück, der nun zeigen muss, ob er für jeden einzelnen Wettbewerb die Zulassung oder Ablehnung eines russischen Auftritts auf Grundlage konkreter sicherheitsbezogener und organisatorischer Umstände begründen kann.
Belarus hat bereits eine begrenzte Rückkehr in drei Wettbewerbe erhalten
Gleichzeitig mit der Diskussion über Russland veröffentlichte die IIHF auch eine teilweise Rückkehr von Belarus in das Programm der Saison 2026/2027. Laut der offiziellen Mitteilung des Verbandes vom 28. Mai 2026 wurde Belarus nach der Entscheidung des Disziplinarausschusses und einer zusätzlichen Risikoanalyse die Teilnahme an drei Wettbewerben genehmigt: der Weltmeisterschaft der Männer unter 18 Jahren, der Weltmeisterschaft der Frauen in der Division IV und der Weltmeisterschaft der Eishockeyspielerinnen unter 18 Jahren in der Division IIIB.
Die IIHF betonte, dass die Entscheidung zu Belarus nicht leichtfertig getroffen wurde. Der Verband erklärte, es seien Konsultationen mit Organisationskomitees und relevanten Interessenträgern durchgeführt worden und die Rückkehr werde als möglich in einem sicheren, verantwortungsvollen und kontrollierten Rahmen bewertet. In der Mitteilung wird hervorgehoben, dass der Prozess schrittweise und sorgfältig geführt werde, wobei zusätzliche operative Einzelheiten später veröffentlicht werden sollen.
Die begrenzte Rückkehr von Belarus ist auch für den russischen Fall wichtig, weil sie zeigt, dass die IIHF nicht mehr zwangsläufig alle Situationen durch eine einheitliche, vollständige Sperre behandelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass dasselbe Modell automatisch auf Russland angewendet wird. Für Russland erklärte die IIHF ausdrücklich, dass der Rat erst alle relevanten Informationen sammeln und dann einzeln über die Teilnahmeberechtigung für künftige Wettbewerbe entscheiden werde.
Die Wurzeln der Entscheidung reichen bis Februar 2022 zurück
Russische und belarussische Nationalmannschaften wurden nach der russischen Invasion in der Ukraine aus dem Programm der IIHF ausgeschlossen. In der Entscheidung vom Februar 2022 erklärte der IIHF-Rat, dass russische und belarussische Mannschaften an einer Reihe damaliger Wettbewerbe nicht teilnehmen würden, darunter an der Weltmeisterschaft 2022, Junioren- und Frauenmeisterschaften sowie Wettbewerben jüngerer Kategorien. Der Verband betonte damals die Sorge um Gesundheit und Sicherheit von Spielern, Offiziellen und Fans sowie um die freie Bewegung von Teilnehmern nach Russland, aus Russland und innerhalb Russlands.
Die IIHF berücksichtigte in derselben Entscheidung auch den breiteren olympischen Kontext, einschließlich der Verletzung des Olympischen Friedens, der im Dezember 2021 durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen angenommen worden war. IIHF-Präsident Luc Tardif betonte damals, der Verband sei kein politisches Gremium und könne Entscheidungen im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine nicht beeinflussen, habe aber eine Fürsorgepflicht gegenüber allen Mitgliedern und Teilnehmern seiner Wettbewerbe.
Seitdem wurden die Entscheidungen über den Status Russlands und Belarus mehrfach verlängert. Die IIHF begründete sie mit Sicherheitsgründen und nicht mit der sportlichen Qualität der Mannschaften. Russland ist historisch eines der stärksten Eishockeyländer, sodass sein Fehlen sportliche Folgen für Spielplan, Leistungsgruppen, Qualifikation und das kommerzielle Bild einzelner Wettbewerbe hat. Doch der Verband betonte in allen bisherigen Entscheidungen, dass es bei der Frage nicht um sportliche Ergebnisse gehe, sondern um die Möglichkeit einer sicheren und ordnungsgemäßen Durchführung der Turniere.
Was für das russische Eishockey folgt
Die wichtigste offene Frage ist nun, wann der IIHF-Rat die neue Analyse abschließen wird und für welche Wettbewerbe zuerst entschieden wird. Laut der Mitteilung der IIHF umfasst der nächste Schritt das Sammeln relevanter Informationen und eine neue Bewertung von Sicherheits-, Betriebs- und Sportplänen. Dies kann Gespräche mit Turnierorganisatoren, nationalen Verbänden, Sicherheitsexperten und anderen Partnern im Eishockeysystem einschließen.
In der Praxis kann ein solches Verfahren zu einer Reihe unterschiedlicher Lösungen führen. Der Rat kann bestätigen, dass für bestimmte Wettbewerbe weiterhin keine sicheren Bedingungen für eine russische Teilnahme bestehen. Er kann auch zu dem Schluss kommen, dass die Bedingungen in einzelnen Kategorien oder an einzelnen Austragungsorten akzeptabel sind. Da die IIHF eine Entscheidung von Veranstaltung zu Veranstaltung angekündigt hat, sollte man nicht unbedingt eine einzige umfassende Entscheidung erwarten, die den Status aller russischen Nationalmannschaften und Klubs sofort klären würde.
Für das russische Eishockey stellt die Entscheidung des Disziplinarausschusses einen verfahrensrechtlichen Gewinn dar, aber keine endgültige Rückkehr. Für die IIHF wiederum bedeutet sie die Notwendigkeit, jede künftige Entscheidung präziser zu begründen und mit konkreten Risiken zu verbinden. Für die übrigen Teilnehmer des internationalen Eishockeys wird am wichtigsten sein, wie der Verband rechtliche Anforderungen, Sicherheitsbewertungen, Reaktionen der Mitglieder und die sportliche Integrität der Wettbewerbe in Einklang bringen will.
Breiterer sportlicher Kontext
Die Entscheidung der IIHF fügt sich in einen breiteren Trend ein, in dem internationale Sportverbände unter Druck geraten, ihre Sperren, Beschränkungen oder Modelle neutraler Teilnahme detailliert rechtlich zu begründen. Das Internationale Olympische Komitee hat für die Olympischen Winterspiele Milano Cortina 2026 ein besonderes System für einzelne neutrale Athleten mit russischem oder belarussischem Pass vorgesehen, wobei eine besondere Kommission über die Teilnahmeberechtigung entscheidet. Dieses Modell bedeutet kein automatisches Startrecht nationaler Mannschaften, sondern eine getrennte Prüfung von Einzelpersonen und ihrem Begleitpersonal.
Eishockey ist in diesem Sinne besonders sensibel, weil es sich um eine ausgeprägt mannschaftliche Sportart handelt, mit einer großen Zahl von Spielern, Trainerstäben, logistischen Anforderungen und Fanrisiken. Anders als in Einzelsportarten bringt die Rückkehr einer Nationalmannschaft oder eines Klubs eine breitere organisatorische Belastung für den Gastgeber des Wettbewerbs und für alle übrigen Teilnehmer mit sich. Deshalb werden die Entscheidungen der IIHF wahrscheinlich weiterhin unter der Beobachtung sportlicher und politischer Akteure bleiben, selbst wenn der Verband seine Entscheidungen formal auf Sicherheits- und Betriebskriterien stützt.
Derzeit ist es daher am genauesten zu sagen, dass die Sperre für die Saison 2026/2027 im rechtlichen Sinne aufgehoben wurde, Russland aber noch nicht in die Wettbewerbe zurückgekehrt ist. Der endgültige Status russischer Nationalmannschaften und Klubs wird von der neuen Analyse des IIHF-Rates und von der Bewertung jedes einzelnen Turniers abhängen. Bis dahin bleibt die Entscheidung des Disziplinarausschusses ein wichtiges Signal für eine Änderung des Verfahrens, aber keine Bestätigung, dass russische Mannschaften bereits in der nächsten Saison auf das internationale Eis zurückkehren werden.
Quellen:
- IIHF – offizielle Mitteilung zum Status der russischen Teilnahme in der Saison 2026/2027 (Link)
- IIHF – offizielle Mitteilung zur teilweisen Rückkehr von Belarus in die Saison 2026/2027 (Link)
- IIHF – Ratsentscheidung vom Januar 2026 zum Status russischer und belarussischer Mannschaften (Link)
- IIHF – Ratsentscheidung vom Februar 2022 zu Russland und Belarus (Link)
- Russischer Eishockeyverband – Veröffentlichung zur angenommenen Berufung vor dem Disziplinarausschuss der IIHF (Link)
- Reuters/KFGO – Bericht über die neue Entscheidungsfindung der IIHF und die Aussage von Michail Degtjarjow (Link)
- Internationales Olympisches Komitee – Rahmen für einzelne neutrale Athleten bei den Olympischen Winterspielen Milano Cortina 2026 (Link)