Umfrage stärkte die Schweizer Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2038
Eine neue repräsentative Umfrage hat gezeigt, dass die Schweizer Kandidatur für die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2038 derzeit von einer Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird, was den Organisatoren ein wichtiges politisches und kommunikatives Argument für die Fortsetzung der Gespräche mit dem Internationalen Olympischen Komitee gibt. Laut einer Untersuchung des Instituts gfs.bern, veröffentlicht am 30. April 2026, würden sich 61 Prozent der Befragten für die Durchführung der Spiele in der Schweiz aussprechen, wenn darüber in einem Referendum abgestimmt würde. Innerhalb dieses Anteils unterstützen 33 Prozent der Befragten das Projekt stark, und 28 Prozent unterstützen es mäßig. Die Opposition bleibt weiterhin sichtbar: 21 Prozent der Befragten sind vollständig dagegen, 13 Prozent sind überwiegend dagegen, während 4 Prozent unentschlossen sind.
Das Ergebnis ist bedeutsam, weil es in einer Phase kommt, in der das Schweizer Projekt keine gewöhnliche Sportankündigung ist, sondern ein Kandidat in einem besonderen Verfahren, das direkt mit dem IOC stattfindet. Die Schweiz trat bereits im Herbst 2023 in den sogenannten privilegierten Dialog für die Spiele 2038 ein, was bedeutet, dass das IOC mit ihr exklusive Gespräche führt und bis Ende 2027 die Möglichkeit offenhält, dass gerade die Schweiz das Austragungsrecht erhält. Ein solcher Status bedeutet keine automatische Vergabe der Spiele, aber er bedeutet, dass andere potenzielle Kandidaten derzeit kein gleichberechtigtes Verfahren für dasselbe Jahr führen. Deshalb ist die neue Umfrage nicht nur eine Messung der öffentlichen Stimmung, sondern auch ein Indikator dafür, ob das Projekt dem politischen Druck in einem Land standhalten kann, in dem frühere olympische Initiativen gerade an der Frage der öffentlichen Unterstützung scheiterten.
Mehrheitliche Unterstützung, aber auch die Botschaft, dass das Projekt die Öffentlichkeit noch überzeugen muss
Das Institut gfs.bern betonte in seiner Analyse, dass die Unterstützung mehrheitlich, aber nicht bedingungslos ist. Die Untersuchung wurde zwischen dem 6. und 20. März 2026 an einer Stichprobe von 1007 Personen über 16 Jahren aus der Schweizer Bevölkerung durchgeführt, mit einer Kombination aus Online-Panel und Telefoninterviews. Die Daten wurden gewichtet, um repräsentativ zu sein, und die angegebene Fehlermarge beträgt plus oder minus 3,1 Prozentpunkte. Neben den 61 Prozent Unterstützung selbst ist auch wichtig, dass etwa drei Viertel der Befragten bereits von der Möglichkeit gehört hatten, die Olympischen und Paralympischen Winterspiele in der Schweiz auszutragen. Das zeigt, dass das Thema nicht im engen Kreis sportlicher und politischer Akteure geblieben ist, sondern bereits in die breitere öffentliche Debatte eingetreten ist.
Gleichzeitig warnt die Untersuchung, dass die Meinung eines Teils der Bürger noch nicht vollständig geformt ist. Die Organisatoren der Kandidatur heben die Angabe hervor, dass nur 24 Prozent der Befragten meinen, die Schweiz solle überhaupt nicht versuchen, die Olympischen und Paralympischen Winterspiele zu organisieren. Das lässt Raum für weitere Überzeugungsarbeit in der Öffentlichkeit, aber auch für ein Wachstum der Ablehnung, wenn die Fragen der Kosten, der Nachhaltigkeit und der Projektsteuerung nicht ausreichend überzeugend geklärt werden. Gfs.bern kommt zu dem Schluss, dass Unterstützung dort aufgebaut wird, wo Finanzierung, Vertrauen und Umsetzung als glaubwürdig wahrgenommen werden. Mit anderen Worten: Die sportliche Attraktivität des Ereignisses allein reicht nicht aus; entscheidend wird die Fähigkeit der Organisatoren sein zu zeigen, wie Risiken begrenzt und transparent verteilt werden.
Dezentrales Modell als zentrales Element der Kandidatur
Die Schweizer Kandidatur basiert auf einem Konzept, das sich wesentlich vom traditionellen olympischen Modell unterscheidet, das auf eine einzige Gastgeberstadt ausgerichtet ist. Das Projekt Switzerland 2038 ist als nationale, dezentrale Organisation gedacht, in der Wettbewerbe und Schlüsselfunktionen auf mehrere Regionen und Sprachgebiete verteilt würden. Laut der offiziellen Projektbeschreibung hat das IOC im neueren Verfahren auch Kandidaturen ermöglicht, die sich nicht auf eine Stadt oder eine Region stützen, sondern auf eine breitere nationale Struktur. Die Schweizer Organisatoren betonen daher, dass sie die bestehende Sport-, Verkehrs- und Organisationsinfrastruktur nutzen wollen, anstatt das Projekt auf den großen Bau neuer Anlagen zu gründen.
Im offiziellen Masterplan ist angegeben, dass Curling und Eisschnelllauf in Genf stattfinden würden, und Eiskunstlauf und Shorttrack in Lausanne. Alpiner Skisport ist in Crans-Montana vorgesehen, Eishockey ist zwischen Zürich, Zug und Lugano aufgeteilt, während Engelberg Skilanglauf, Nordische Kombination und Skispringen ausrichten würde. Biathlon ist in Lenzerheide vorgesehen, Bob, Rodeln und Skeleton im Gebiet von St. Moritz und Celerina, und Freestyle-Skiing und Snowboard in St. Moritz und Silvaplana. Nach den verfügbaren Plänen wird Lausanne für die Eröffnungszeremonie und Bern für die Schlusszeremonie in Betracht gezogen.
Eine solche Verteilung hat eine klare politische und finanzielle Logik. Die Organisatoren wollen die Spiele als nationales Projekt darstellen, das verschiedene Regionen einbezieht, aber auch als Antwort auf die Kritik an früheren olympischen Kandidaturen, die in vielen Ländern mit überhöhten Kosten, neuen baulichen Eingriffen und langfristiger Belastung öffentlicher Haushalte verbunden waren. In der Umfrage äußerten 79 Prozent der Befragten die Überzeugung, dass die Schweiz über die notwendige Infrastruktur und eine ausreichend entwickelte Mobilität für die Organisation eines großen internationalen Ereignisses verfügt. Außerdem sehen 74 Prozent der Befragten die dezentrale Organisation als Vorteil, weil sie sich auf bestehende Strukturen und Erfahrung mit internationalen Wettbewerben stützt.
Finanzierung bleibt die empfindlichste Frage
Trotz mehrheitlicher Unterstützung bleiben finanzielle Risiken die Hauptquelle der Vorsicht. Nach den veröffentlichten Ergebnissen der Umfrage sind 57 Prozent der Befragten wegen möglicher Defizite und Kosten besorgt, die letztlich vom öffentlichen Sektor getragen werden könnten. Diese Frage ist im Schweizer politischen System besonders wichtig, in dem Referenden und direkte Stellungnahmen der Bürger großen Einfluss auf große öffentliche Projekte haben können. Frühere olympische Initiativen in einzelnen Kantonen und Regionen scheiterten gerade deshalb, weil die Wähler einschätzten, dass die Risiken den Nutzen übersteigen.
Der Bundesrat, die Schweizer Exekutive, unterstützte im Januar 2026 die Pläne für die Kandidatur und eröffnete eine Vernehmlassung über eine mögliche Bundesunterstützung von bis zu 200 Millionen Schweizer Franken. Die Regierung beschrieb das Projekt dabei als Chance zur Stärkung des Sports, technologischer Innovationen, des gesellschaftlichen Zusammenhalts, des Tourismus und des internationalen Images des Landes. Dennoch beseitigt die offizielle Unterstützung die politische Unsicherheit nicht. Laut Schweizer Medienberichten könnte die Art und Weise, wie das Parlament Entscheidungen über das Projekt gestaltet, die Frage eines möglichen Referendums eröffnen, und die Organisatoren hatten früher gewarnt, dass ein solches Szenario die Kandidatur ernsthaft verkomplizieren könnte.
Der Verein Switzerland 2038 behauptet, dass er von Anfang an ein Modell entwickelt, in dem private Finanzierung 82 Prozent der Kosten für die Organisation der Spiele decken würde. Besonders wird betont, dass der öffentliche Sektor kein potenzielles Defizit übernehmen müsste, sondern dass für Garantien private Mittel gesucht würden. Die Co-Präsidentin des Vereins, Lenka Kölliker, erklärte, dass für Garantien in Höhe von 200 Millionen Franken kein öffentliches Geld, sondern private Finanzierung verlangt werde und dass die Organisatoren starke Unterstützung aus der Wirtschaft spürten. Solche Botschaften richten sich offensichtlich an den empfindlichsten Teil der öffentlichen Debatte: die Frage, wer zahlt, wenn sich die optimistischen Projektionen nicht erfüllen.
Das IOC verfolgt den politischen Prozess und erwartet die Erfüllung der Bedingungen
Das Internationale Olympische Komitee führt ein besonderes Verfahren für künftige Gastgeber der Winterspiele in Umständen, in denen die Zahl verlässlicher und politisch akzeptabler Kandidaten abnimmt. Klimawandel, Organisationskosten, öffentlicher Widerstand und die Notwendigkeit, bestehende Wettkampfstätten zu nutzen, haben die Art verändert, wie große Winterwettbewerbe geplant werden. Das IOC wählte für 2030 die Französischen Alpen und für 2034 Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah, während für 2038 ein exklusives Verfahren mit der Schweiz läuft.
Nach Informationen, die das IOC Anfang 2026 vorlegte, könnte die Schweizer Kandidatur in die nächste Phase übergehen, wenn bis Jahresende die politischen und organisatorischen Bedingungen erfüllt sind. In öffentlich verfügbaren Informationen über den privilegierten Dialog wird angegeben, dass die Schweiz bis Ende 2027 Raum für die weitere Entwicklung und Anpassung der Kandidatur hat. Das bedeutet, dass die aktuelle öffentliche Unterstützung, die offizielle Finanzkonstruktion und der endgültige operative Plan gemeinsam betrachtet werden. Der Vorteil der Schweiz liegt nicht nur in Sportanlagen, sondern auch im Verkehrsnetz, in der Erfahrung bei der Organisation von Winterwettbewerben und in der Tatsache, dass der Sitz des IOC seit 1915 in Lausanne ist.
Gerade weil das Verfahren so weit fortgeschritten ist, erhält jedoch jede neue Information über die öffentliche Stimmung größeres Gewicht. Die Unterstützung von 61 Prozent hilft den Organisatoren in den Gesprächen mit dem IOC, schließt die Debatte aber nicht ab. Gfs.bern warnt, dass die grundlegende Skepsis mit Kosten, Vertrauen in die verantwortlichen Institutionen, dem Verhältnis zum IOC und ökologischen Zweifeln verbunden bleibt. Das sind Fragen, die nicht nur mit Werbeslogans gelöst werden können, sondern präzise Budgets, klare vertragliche Verpflichtungen und ein politisch akzeptables Aufsichtsmodell erfordern.
Nachhaltigkeit, Klima und Vermächtnis als Glaubwürdigkeitstest
Die Organisatoren der Schweizer Kandidatur betonen häufig, dass die Spiele 2038 nachhaltig wären, weil sie nicht auf dem Bau neuer großer Wettkampfstätten beruhen würden. In der Umfrage äußerten jedoch 53 Prozent der Befragten Zweifel an der Möglichkeit einer nachhaltigen Durchführung der Olympischen und Paralympischen Winterspiele im Kontext des Klimawandels. Diese Zurückhaltung ist nicht ungewöhnlich. Die Zukunft des Wintersports wird zunehmend durch das Prisma der Schneesicherheit, des Energieverbrauchs, der künstlichen Beschneiung, der Verkehrsemissionen und des Drucks großer Veranstaltungen auf alpine Räume diskutiert.
Das Schweizer Projekt versucht, auf diese Einwände mit einer Kombination aus bestehenden Wettkampfstätten, dezentraler Organisation und Stützung auf den öffentlichen Verkehr zu antworten. Das steht im Einklang mit der neueren Richtung des IOC, das von Gastgebern rationalere Planung und einen kleineren infrastrukturellen Fußabdruck verlangt. Dennoch wird Nachhaltigkeit nach konkreten Zahlen beurteilt werden, nicht nur nach dem Konzept. Die Öffentlichkeit wird nach den verfügbaren Indikatoren besonders verfolgen, ob die Verteilung auf mehrere Städte den Bedarf an neuen Anlagen verringern oder die Komplexität von Logistik, Reisen und Sicherheitsorganisation erhöhen wird. Ein Teil der Befragten, 47 Prozent von ihnen, betrachtet laut Umfrage auch das dezentrale Modell kritisch, aus Sorge, es könnte das gemeinsame olympische Erlebnis schwächen.
Für die Organisatoren ist dies eine doppelte Herausforderung. Einerseits ist Dezentralisierung das Hauptargument dafür, dass die Spiele wirtschaftlicher und nachhaltiger durchgeführt werden können. Andererseits eröffnet gerade die Zerstreuung der Wettbewerbe Fragen zur Atmosphäre, zur Zugänglichkeit der Ereignisse, zu Koordinationskosten und zur Art und Weise, wie ein Gefühl eines einheitlichen Sportereignisses geschaffen wird. Switzerland 2038 gibt an, dass es Erfahrungen aus den ersten stark dezentralisierten Spielen in Milano Cortina 2026 in die Planung einbaut, was zeigt, dass das Modell noch angepasst wird und dass die endgültige Form der Kandidatur nicht abgeschlossen ist.
Die politische Lektion früherer gescheiterter Versuche
Die Schweiz hat eine lange Wintersporttradition und war zweimal Gastgeberin der Olympischen Winterspiele in St. Moritz, 1928 und 1948. Gerade deshalb ist die Rückkehr der Spiele ins Land nach 90 Jahren eine politisch und symbolisch starke Idee. Doch diese Tradition reicht nicht aus, um die heimische Debatte zu gewinnen. Frühere Kandidaturversuche in Regionen wie Graubünden und Wallis stießen auf den Widerstand der Wähler, vor allem wegen der Kosten, öffentlicher Garantien und Umweltfragen. Die aktuelle Kandidatur ist offensichtlich als Antwort auf diese Niederlagen gestaltet: Statt eines regionalen Projekts wird ein nationales Modell angeboten; statt Neubauten werden bestehende Anlagen hervorgehoben; statt öffentlicher Deckung von Defiziten wird die private Finanzierung von Risiken betont.
Die neue Umfrage zeigt, dass ein solcher Ansatz derzeit eine bessere Ausgangsposition hat als frühere Initiativen, aber auch, dass Gegner des Projekts klare Themen haben, auf denen sie eine Kampagne aufbauen können. Finanzierung, demokratische Legitimität, das Verhältnis zum IOC und klimatische Nachhaltigkeit werden wahrscheinlich die Hauptpunkte der Debatte bleiben. Wenn das Projekt in den kommenden Monaten Gegenstand eines stärkeren politischen Konflikts wird, kann sich die Unterstützung ändern. Im Schweizer Kontext, in dem die direkte Demokratie ein wichtiger Teil der politischen Kultur ist, können Zahlen aus einer einzigen Umfrage nicht als dauerhafte Bestätigung interpretiert werden, sondern als aktueller Vorteil, den die Organisatoren erst noch bewahren müssen.
Warum die Umfrage gerade jetzt wichtig ist
Die Veröffentlichung der Ergebnisse kommt in einem Moment, in dem die Schweizer Kandidatur versucht, sich als realistisches, finanziell kontrolliertes und gesellschaftlich akzeptables Modell für eine neue Phase der Olympischen Winterspiele zu präsentieren. Wenn sich zeigt, dass die Öffentlichkeit an die Begrenzung der Kosten und die Nutzung bestehender Infrastruktur glaubt, könnte die Schweiz ein Beispiel für ein Land werden, das die Spiele ohne eine große Welle neuer Bautätigkeit organisiert. Wenn sich hingegen zeigt, dass die finanziellen Garantien unklar sind oder dass der öffentliche Sektor dennoch ein zu großes Risiko übernimmt, könnte die aktuelle Unterstützung schnell dahinschmelzen.
Für das IOC ist das Schweizer Projekt wichtig, weil es in den breiteren Wandel der olympischen Bewegung passt. Die Winterspiele werden immer schwerer an Orte vergeben, die sowohl klimatische Bedingungen als auch politischen Willen und finanzielle Fähigkeit zur Organisation haben. Die Schweiz verfügt über starke Winterinfrastruktur, entwickelten öffentlichen Verkehr und einen internationalen sportlichen Ruf, muss aber beweisen, dass ihr Modell nicht nur administrativ durchführbar, sondern auch demokratisch überzeugend ist. Die Umfrage mit 61 Prozent Unterstützung zeigt, dass diese Möglichkeit besteht. Die nächste Phase wird zeigen, ob die anfängliche Mehrheit in ein stabiles Mandat für eines der größten Sportprojekte des Landes in diesem Jahrhundert verwandelt werden kann.
Quellen:
- Switzerland 2038 – Veröffentlichung der Ergebnisse der repräsentativen gfs.bern-Umfrage zur Unterstützung der Kandidatur für die Olympischen und Paralympischen Winterspiele 2038. (link)
- gfs.bern – Methodologie und Analyse der Untersuchung zur Unterstützung der Schweizer Kandidatur, einschließlich Stichprobe, Durchführungszeitraum und Fehlermarge. (link)
- Switzerland 2038 – offizielle Projektbeschreibung, privilegierter Dialog mit dem IOC und dezentrales Konzept der Kandidatur. (link)
- Switzerland 2038 – Masterplan der vorgeschlagenen Wettkampfstätten und Verteilung der Sportarten auf Schweizer Standorte. (link)
- International Olympic Committee – Informationen über den privilegierten Dialog mit der Schweiz und einen möglichen Übergang in die nächste Phase des Verfahrens für die Spiele 2038. (link)
- SWI swissinfo.ch / Keystone-SDA – Bericht über die Unterstützung der Schweizer Regierung für die Kandidatur und den Vorschlag einer Bundesunterstützung von bis zu 200 Millionen Franken. (link)