Carlo Ancelotti leitet großen Umbau Brasiliens ein: Neue Generation steht vor dem ersten großen Test
Die brasilianische Fußballnationalmannschaft ist mit einer der deutlichsten personellen Veränderungen der vergangenen Jahre in einen neuen Zyklus gestartet. Carlo Ancelotti veröffentlichte am 9. September den Kader mit 26 Spielern für die Freundschaftsspiele gegen Australien und Indien, die ersten Auftritte Brasiliens seit der Weltmeisterschaft 2026, und die Zusammensetzung zeigt deutlich, dass der Schwerpunkt auf die Verjüngung der Mannschaft und die Vorbereitung eines Kerns verlagert wurde, der mit Blick auf die Copa América 2028 und die Weltmeisterschaft 2030 reifen soll. Nach Angaben des brasilianischen Fußballverbands spielen zehn der nominierten Spieler für brasilianische Vereine, während acht Fußballer zum ersten Mal in die A-Nationalmannschaft berufen wurden. Ancelotti erklärte dabei, dass er jungen Spielern Vorrang geben möchte, die im kommenden Vierjahreszyklus genügend Zeit für ihre Entwicklung haben werden, betonte jedoch zugleich, dass die Türen der Nationalmannschaft für erfahrenere Spieler nicht geschlossen seien.
Die Veränderung folgt auf das enttäuschende Ende des brasilianischen Auftritts bei der Weltmeisterschaft 2026. Brasilien belegte mit sieben Punkten den ersten Platz in seiner Gruppe, besiegte anschließend in der ersten K.-o.-Runde Japan mit 2:1, verlor jedoch am 5. Juli im Achtelfinale mit 1:2 gegen Norwegen. Die FIFA bezeichnete diese Niederlage als Brasiliens erstes Ausscheiden im Achtelfinale einer Weltmeisterschaft seit 1990. Zwei Tore von Erling Haaland stoppten den Versuch des fünfmaligen Weltmeisters, dem sechsten Titel näherzukommen, während Neymar tief in der Nachspielzeit den einzigen brasilianischen Treffer erzielte. Unmittelbar nach dem Spiel erklärte Ancelotti, dass er das Ausscheiden nicht nur als Ende eines Turniers, sondern auch als Beginn eines neuen Zyklus sehe.
Das Durchschnittsalter ist stark gesunken, und acht Spieler stehen erstmals in der A-Nationalmannschaft
Das Ausmaß der Veränderung zeigt sich am deutlichsten beim Alter und bei der Struktur des neuen Kaders. Laut einer Analyse von Folha de S.Paulo ist das Durchschnittsalter der Nominierten von 28,8 Jahren, wie es im WM-Kader gewesen war, auf 24,4 Jahre gesunken. Sechs Spieler auf der neuen Liste sind 20 Jahre alt oder jünger, wodurch Raum für eine mehrjährige Beobachtung und Entwicklung innerhalb des Nationalmannschaftssystems entsteht. Zu den Debütanten gehören die Torhüter Pedro Morisco von Coritiba und Otávio von Cruzeiro, die Verteidiger Arthur Dias von Athletico Paranaense und Jair von Nottingham Forest, die Außenverteidiger Matheuzinho von Corinthians und Mauro Júnior von PSV sowie die Mittelfeldspieler Breno Bidon von Corinthians und Gabriel Bontempo von Santos.
Bei der Vorstellung des Kaders erklärte Ancelotti, dass er nach einem Gleichgewicht zwischen Spielern suche, die die Anforderungen der A-Nationalmannschaft bereits kennen, und jenen, die in den kommenden Jahren zu ihrem Fundament werden könnten. Laut CBF hob der italienische Trainer insbesondere die Qualität der jungen Spieler und die Notwendigkeit hervor, sie unter realen Bedingungen in der Nationalmannschaft zu beurteilen und nicht nur anhand ihrer Vereinsauftritte. Dieser Ansatz hat auch eine praktische Dimension: Einige der talentiertesten Brasilianer verfügen in europäischen Vereinen noch nicht über konstante Einsatzzeiten, weshalb der Trainerstab ihre Entwicklung verfolgen möchte, ohne vorschnelle Schlüsse über ihren Status in der Nationalmannschaft zu ziehen. Ancelotti betonte, dass die Ziele von Verein und Nationalmannschaft nicht immer identisch seien und dass ein Spieler, der derzeit in seinem Verein nur wenig Einsatzzeit erhält, dennoch für das langfristige Projekt der Nationalmannschaft wichtig sein könne.
Eine vollständig neue Torhüterriege symbolisiert den Bruch mit dem vorherigen Turnier
Die radikalste Veränderung wurde bei den Torhütern vorgenommen. Anstelle von Alisson, Ederson und Weverton, die zum Kader bei der Weltmeisterschaft 2026 gehörten, wurden Hugo Souza von Corinthians, Pedro Morisco von Coritiba und Otávio von Cruzeiro berufen. Damit hat Ancelotti praktisch einen neuen internen Konkurrenzkampf um eine der sensibelsten Positionen in der Nationalmannschaft eröffnet. Pedro Morisco und Otávio erhielten ihre erste Berufung in die A-Nationalmannschaft, während Hugo Souza eine neue Gelegenheit bekommt, sich in einer Konkurrenz durchzusetzen, in der Brasilien in den vergangenen Jahren meist eine klare Hierarchie hatte.
Die Veränderung bedeutet jedoch nicht, dass die bisherigen Torhüter dauerhaft abgeschrieben sind. Laut CBF und brasilianischen Medien ließ Ancelotti ausdrücklich die Möglichkeit einer Rückkehr von Alisson offen und sagte, dessen Status werde von seiner Form und der Entwicklung der Konkurrenz bis zur Copa América 2028 abhängen. Dieselbe Botschaft weitete er auf andere erfahrene Spieler aus: Das derzeitige Fehlen ist keine endgültige Entscheidung, sondern Teil einer Phase, in der der Trainerstab den Kandidatenkreis erweitern möchte. Eine solche Strategie ermöglicht es Brasilien, in der frühen Phase des Zyklus mehr Lösungen ohne den Druck eines unmittelbar notwendigen Qualifikationsergebnisses zu testen, da die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2030 nach dem Plan des CBF in der zweiten Hälfte des Jahres 2027 beginnen wird.
Das Rückgrat ist nicht verschwunden: Vinícius Júnior, Raphinha und Marquinhos bleiben wichtig
Obwohl der Kader stark verjüngt wurde, hat Ancelotti keinen vollständigen Generationswechsel eingeleitet. Vinícius Júnior, Raphinha, Marquinhos, Gabriel Magalhães und Bruno Guimarães sind weiterhin Teil der Mannschaft und sollen Kontinuität und Erfahrung in der Kabine gewährleisten. Hinzu kommen Endrick, Rayan und Danilo Santos, die ebenfalls Teil des letzten WM-Zyklus waren und zu jener Gruppe von Fußballern gehören, von denen in den kommenden Jahren eine größere Rolle erwartet wird. Die Idee besteht nicht darin, über Nacht eine völlig neue Nationalmannschaft zu schaffen, sondern das Verhältnis zwischen erfahrenen Leistungsträgern und jüngeren Kandidaten schrittweise zu verändern.
Besonders wichtig bleibt die Offensive. Vinícius Júnior und Raphinha gehören weiterhin zu den bekanntesten brasilianischen Offensivspielern, während Endrick, Estêvão, João Pedro und Rayan eine Generation repräsentieren, die bis 2030 in ihre besten Fußballerjahre kommen sollte. Nach der Bekanntgabe des Kaders sprach Ancelotti besonders über Endrick und dessen künftige Bedeutung für die Nationalmannschaft, was darauf hindeutet, dass der Mittelstürmer von Real Madrid auch dann Einsatzmöglichkeiten erhalten wird, wenn seine Spielzeit im Verein nicht ideal ist. Ebenfalls im Rennen sind Pedro von Flamengo und Samuel Lino, ebenfalls von Flamengo, womit der Trainerstab unterschiedliche Stürmertypen und die Möglichkeit beibehalten hat, das System abhängig vom Gegner zu verändern.
Zehn Spieler aus brasilianischen Vereinen und eine stärkere Verbindung zu den Nachwuchsauswahlen
Eines der interessanteren Elemente des Kaders ist die starke Vertretung der heimischen Liga. Der CBF gab bekannt, dass zehn der 26 nominierten Fußballer in Brasilien spielen. Corinthians stellt mit Hugo Souza, Matheuzinho und Breno Bidon drei Nationalspieler, während Flamengo Pedro und Samuel Lino stellt. Auch Vertreter von Coritiba, Cruzeiro, Athletico Paranaense, Botafogo und Santos erhielten Berufungen. Damit hat Ancelotti gezeigt, dass ein Engagement in Europa keine Voraussetzung für den Einzug in die Nationalmannschaft ist, was besonders in einer Phase wichtig ist, in der der Kandidatenkreis erweitert werden soll.
Der CBF hat in den vergangenen Monaten außerdem verstärkt die Verbindung der A-Nationalmannschaft mit den U-20- und U-17-Auswahlen hervorgehoben. Rodrigo Caetano, Exekutivkoordinator der Männer-Nationalmannschaften, erklärte, dass potenzielle Kandidaten für 2030 bereits in mehreren Altersklassen beobachtet werden, während Ancelotti die Notwendigkeit einer ständigen Kommunikation mit den Trainerstäben der Nachwuchsauswahlen betonte. In einem solchen Modell soll der Weg in die A-Nationalmannschaft weniger von einer kurzen Phase guter Form und stärker von der kontinuierlichen Beobachtung der technischen, taktischen und körperlichen Entwicklung abhängen. Brasilien versucht dabei, den Vierjahreszyklus zu nutzen, um Spieler früher zu identifizieren, die bis zur nächsten Weltmeisterschaft internationales Niveau erreichen könnten.
Diese Strategie ist besonders wichtig, weil der brasilianische Fußball in den vergangenen Jahrzehnten häufig über eine große Zahl individuell hochwertiger Spieler verfügte, es jedoch nicht immer schaffte, früh genug einen stabilen Kern für die Nationalmannschaft zu formen. Der letzte Weltmeistertitel wurde 2002 gewonnen, und seitdem ging Brasilien mehrmals als einer der Favoriten in Turniere, ohne erneut das Finale zu erreichen. Nach dem Ausscheiden gegen Norwegen 2026 wird der Druck auf die neue Generation nicht verschwinden, doch Ancelottis Vertrag bis 2030 gibt dem Trainerstab ein seltenes Maß an Kontinuität für langfristige Arbeit. Der CBF verlängerte im Mai 2026 den Vertrag mit dem italienischen Trainer bis zur nächsten Weltmeisterschaft, einige Wochen vor Beginn des Turniers in Nordamerika.
Australien und Indien sind das erste Labor des neuen Zyklus
Der erste Test des neuen Kaders wird keinen Wettbewerbscharakter haben, aber für die Verteilung der Rollen wichtig sein. Brasilien wird am 25. September im Queensland Country Bank Stadium in Townsville gegen Australien spielen, und vier Tage später werden dieselben Nationalmannschaften im Suncorp Stadium in Brisbane erneut aufeinandertreffen. Danach reist Brasilien nach Indien, wo es am 3. Oktober im Vivekananda Yuba Bharati Krirangan, auch als Salt Lake Stadium bekannt, in Kolkata gegen die heimische Nationalmannschaft spielen wird. Laut CBF wird dies das erste A-Länderspiel zwischen Brasilien und Indien in der Geschichte sein.
Drei Spiele innerhalb kurzer Zeit werden Ancelotti ermöglichen, die Einsatzminuten auf eine größere Zahl von Spielern zu verteilen und Kombinationen zu testen, die in einem klassischen Länderspielfenster mit zwei Partien möglicherweise keine Gelegenheit erhalten würden. Für die Debütanten wird es die erste direkte Begegnung mit dem Tempo und den Anforderungen der A-Nationalmannschaft sein, während die erfahreneren Spieler die Aufgabe haben werden, die Mannschaft in der Übergangsphase zu stabilisieren. Die Ergebnisse der Freundschaftsspiele werden für sich genommen den künftigen Status einzelner Spieler nicht bestimmen, aber dem Trainerstab erste Informationen darüber liefern, wie sich die neuen Spieler an Ancelottis Spielmodell und an das internationale Niveau anpassen.
Das Beobachtungsprogramm wird im November fortgesetzt. Der CBF hat bereits bestätigt, dass Brasilien am 14. November gegen Japan und am 17. November gegen Singapur spielen wird, beide Partien im National Stadium in Singapur. Der Verband erklärte, dass diese Begegnungen Teil eines Plans seien, gegen unterschiedliche Fußballschulen zu spielen und gleichzeitig die Möglichkeiten für Training, Bewertung und Entwicklung taktischer Konzepte auszuweiten. Die nächsten Kaderlisten könnten daher weitere Veränderungen bringen, insbesondere wenn sich einige der derzeit nominierten jungen Spieler durchsetzen und ein Teil der erfahrenen Nationalspieler wieder seine Bestform erreicht.
Die Copa América 2028 ist der erste große Kontrollpunkt vor der Weltmeisterschaft 2030
Obwohl die Weltmeisterschaft 2030 das endgültige Ziel des Zyklus ist, hat der CBF die Copa América 2028 als wichtigen Zwischenschritt bezeichnet. Dieses Turnier wird die erste große Gelegenheit sein, zu überprüfen, ob der Verjüngungsprozess eine Mannschaft hervorgebracht hat, die unter Wettbewerbsdruck bestehen kann. Bis dahin sollten die heutigen Debütanten fast zwei Jahre Erfahrung im Programm der A-Nationalmannschaft gesammelt haben, während Spieler wie Endrick, Estêvão, Rayan und Vitor Reis in eine reifere Phase ihrer Karriere eintreten werden. Gleichzeitig muss der Trainerstab entscheiden, wie viel Raum Veteranen erhalten sollen, die ihr hohes Niveau bis 2030 halten können.
Ancelottis wichtigste Aufgabe besteht daher nicht nur darin, im September 2026 die 26 besten Spieler zu finden, sondern über die kommenden drei Spielzeiten eine klare Hierarchie aufzubauen. Brasilien verfügt über eine ausreichend breite Basis, damit der Konkurrenzkampf auf nahezu jeder Position stark ist, doch eine große Zahl von Optionen kann nur dann ein Vorteil sein, wenn über Freundschaftsspiele, Qualifikationspartien und die Copa América schrittweise ein stabiles System aufgebaut wird. Der derzeitige Kader sollte als Ausgangsgruppe und nicht als endgültige Projektion der Mannschaft für 2030 betrachtet werden. Ancelotti selbst betonte, dass sich Entscheidungen abhängig von der Entwicklung und Form der Spieler verändern werden.
Nach dem frühen Ausscheiden bei der Weltmeisterschaft 2026 kann sich die brasilianische Nationalmannschaft nicht länger allein auf ihren Ruf und individuelle Qualität verlassen. Der neue Zyklus beginnt mit einem klaren Signal, dass Alter, Entwicklungspotenzial und die Möglichkeit langfristiger Fortschritte stärker gewichtet werden als zuvor. Acht erstmalige Berufungen, eine vollständig veränderte Torhüterriege und eine bedeutende Zahl von Spielern aus der brasilianischen Liga zeigen, dass der Umbau bereits begonnen hat. Wie erfolgreich er sein wird, lässt sich nicht nach nur einer Länderspielpause beurteilen, doch die Spiele gegen Australien und Indien werden erste Antworten darauf geben, welche der neuen Namen dauerhaft näher an den Kern der Mannschaft für 2028 und 2030 heranrücken können.
Brasiliens Kader für die Spiele gegen Australien und Indien
Torhüter: Hugo Souza (Corinthians), Pedro Morisco (Coritiba), Otávio (Cruzeiro).
Verteidiger: Arthur Dias (Athletico-PR), Douglas Santos (Zenit), Gabriel Magalhães (Arsenal), Jair (Nottingham Forest), Marquinhos (Paris Saint-Germain), Matheuzinho (Corinthians), Mauro Júnior (PSV), Vitor Reis (Manchester City), Wesley (Roma).
Mittelfeldspieler: Andrey Santos (Manchester United), Breno Bidon (Corinthians), Bruno Guimarães (Arsenal), Danilo Santos (Botafogo), Douglas Luiz (Juventus), Gabriel Bontempo (Santos).
Stürmer: Endrick (Real Madrid), Estêvão (Chelsea), João Pedro (Chelsea), Pedro (Flamengo), Raphinha (Barcelona), Rayan (Bournemouth), Samuel Lino (Flamengo), Vinícius Júnior (Real Madrid).
Quellen:
- Confederação Brasileira de Futebol – offizieller Kader mit 26 Spielern und Spielplan für die Partien gegen Australien und Indien (Link)
- Confederação Brasileira de Futebol – Aussagen von Carlo Ancelotti zur Verjüngung der Nationalmannschaft, zur Bevorzugung junger Spieler und zu den weiterhin offenen Türen für erfahrenere Spieler (Link)
- Confederação Brasileira de Futebol – Plan für den neuen Zyklus, Verbindung mit den Nachwuchsauswahlen und Beginn der Vorbereitungen auf die Copa América 2028 und die Weltmeisterschaft 2030 (Link)
- Confederação Brasileira de Futebol – Bestätigung der Verlängerung des Vertrags von Carlo Ancelotti bis zur Weltmeisterschaft 2030 (Link)
- Confederação Brasileira de Futebol – Bericht über Brasiliens 1:2-Niederlage gegen Norwegen im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2026 und Ancelottis Einschätzung, dass ein neuer Zyklus beginnt (Link)
- FIFA – offizieller Überblick über das Spiel Brasilien - Norwegen und der Kontext des brasilianischen Ausscheidens im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 2026 (Link)
- Folha de S.Paulo – Angaben zum Durchschnittsalter der Mannschaft, zu acht erstmaligen Berufungen und zur Veränderung der Generationenstruktur (Link)
- Confederação Brasileira de Futebol – bestätigte Freundschaftsspiele gegen Japan und Singapur im November 2026 (Link)