Hamburg lehnt neue Olympiabewerbung ab: Deutsche Auswahl des Gastgebers geht ohne die Hansestadt weiter
Hamburg hat zum zweiten Mal in etwas mehr als einem Jahrzehnt seine eigene olympische Ambition in einem Referendum gestoppt. Nach dem vorläufigen amtlichen Ergebnis, das nach der Abstimmung am 31. Mai 2026 veröffentlicht wurde, sprachen sich 54,9 Prozent der Wähler dagegen aus, dass sich der Deutsche Olympische Sportbund, DOSB, mit Hamburg als Austragungsort um die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewirbt. Für die Fortsetzung der Bewerbung stimmten 45,1 Prozent der Wähler, was zwar ausreichte, um das vorgeschriebene Quorum nach der Zahl der Stimmen zu überschreiten, nicht aber für die politisch und rechtlich entscheidende Bedingung: eine Mehrheit der Ja-Stimmen. Damit schied Hamburg aus dem deutschen nationalen Verfahren zur Auswahl der Stadt oder Region aus, die das Land in der internationalen Phase vertreten soll.
Nach Angaben aus der offiziellen Ergebnispräsentation, die von den Wahlorganen Hamburgs und dem Statistischen Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein veröffentlicht wird, nahmen 652.603 von insgesamt 1.315.800 Wahlberechtigten am Referendum teil, womit die Beteiligung 49,6 Prozent betrug. Gültig waren 651.730 Stimmzettel, während 873 Stimmzettel für ungültig erklärt wurden. Für die Bewerbung stimmten 293.819 Wähler, dagegen 357.911 Wähler. Der DOSB nannte in seiner Mitteilung eine Beteiligung von 49,5 Prozent, bei derselben Zahl der Teilnehmenden und demselben amtlichen Stimmenverhältnis; der Unterschied in der Dezimaldarstellung ergibt sich aus Rundungen in einzelnen Veröffentlichungen.
Referendum stoppte die Einreichung des endgültigen Konzepts
Der Ausgang der Abstimmung hat eine unmittelbare Folge für das deutsche Bewerbungsverfahren. Der DOSB teilte mit, dass Hamburg wegen des negativen Ergebnisses das fertige Konzept nicht mehr bis zum 4. Juni in das nationale Verfahren einreichen könne. Damit hat die Hansestadt nach Auffassung der deutschen Sportdachorganisation die zweite Phase des vereinbarten dreistufigen Modells nicht erfolgreich abgeschlossen und gilt nicht mehr als nationaler Kandidat. Der Prozess geht nun mit Berlin, München und dem Konzept KölnRheinRuhr weiter, das den Rhein- und Ruhrraum mit Köln als führender Stadt umfasst.
Nach dem zuvor beschlossenen Zeitplan soll der DOSB die endgültige Entscheidung über den deutschen Kandidaten auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26. September 2026 in Baden-Baden treffen. Nach der Mitteilung des DOSB vom Dezember 2025 mussten Städte und Regionen bis Anfang Juni 2026 die abschließenden Konzepte einreichen, danach folgt eine Bewertung in mehreren Kategorien. Zu den Kriterien zählen internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz, sportliche und operative Eignung, Vision und langfristiges Erbe, Kosten und Finanzierung sowie Infrastrukturprojekte, die getrennt von der direkten Durchführung der Spiele betrachtet werden. In diesem Rahmen ist das Ergebnis aus Hamburg besonders wichtig, weil gerade die öffentliche Akzeptanz eines der Elemente ist, die der DOSB bei der Auswahl berücksichtigt.
Das Hamburger Referendum wurde als Bürgerschaftsreferendum abgehalten, also als ein mit einem Beschluss der Bürgerschaft verbundenes Referendum. Die Stadt setzte die Abstimmung für den 31. Mai 2026 an, und die Wähler konnten auch per Brief abstimmen. Die städtische Wahlleitung teilte mit, dass nur etwa 84.000 Wähler in den Wahllokalen abstimmten, während ein großer Teil der Teilnehmenden die Möglichkeit der Briefwahl nutzte. Nach Angaben der Hamburger Behörden verlief der Prozess ruhig und ordnungsgemäß, ohne Ereignisse, die die Abstimmung beeinflusst hätten, und das vorläufige Ergebnis wurde noch vor 21 Uhr desselben Tages veröffentlicht.
Hamburgs zweites "Nein" nach 2015
Dies ist nicht das erste Mal, dass Hamburg ein olympisches Projekt abgelehnt hat. Nach Vergleichsdaten des Statistischen Amts für Hamburg und Schleswig-Holstein sprachen sich beim Referendum 2015 über die Bewerbung für die Spiele 2024 51,6 Prozent der Wähler dagegen aus, während 48,4 Prozent dafür waren. Damals beteiligten sich 653.227 Wähler, also 50,2 Prozent der Wahlberechtigten. Beim neuen Referendum war die Beteiligung geringfügig niedriger, aber die Ablehnung deutlicher: Der Anteil der Nein-Stimmen stieg im Vergleich zu 2015 um 3,3 Prozentpunkte, während der Anteil der Ja-Stimmen um denselben Wert sank.
Der Vergleich der beiden Abstimmungen zeigt, dass die Hamburger Wähler auch 2026 gegenüber einem großen Sportprojekt vorsichtig blieben, trotz eines anderen Bewerbungskonzepts und des Schwerpunkts der Stadtregierung auf bestehender Infrastruktur, kurzen Wegen und finanzieller Nachhaltigkeit. Die Stadt versuchte im neuen Anlauf, einen Teil der Kritik aus dem Jahr 2015 zu vermeiden, als die Pläne stark mit der Entwicklung eines neuen Stadtgebiets im Hafen und hohen Kostenschätzungen verbunden waren. Nach den offiziellen Kampagnenmaterialien wurde das neue Konzept als bescheidener, stärker auf bestehende Standorte verteilt und weniger abhängig vom Bau von Anlagen ausschließlich für die Bedürfnisse der Spiele dargestellt.
Trotzdem zeigt das Ergebnis, dass die Argumente der Gegner nicht an politischem Gewicht verloren haben. In der öffentlichen Debatte traten die Angst vor steigenden Kosten, Unsicherheit über Sicherheits- und Infrastrukturausgaben, Druck auf Verkehr und Wohnen sowie die Frage hervor, ob die langfristigen Vorteile die finanziellen und organisatorischen Risiken tatsächlich überwiegen würden. Auf der anderen Seite argumentierten die Befürworter, die Spiele könnten die Modernisierung der Sportinfrastruktur beschleunigen, Investitionen in Mobilität und Barrierefreiheit erhöhen und die internationale Sichtbarkeit der Stadt stärken. Das Referendumsergebnis zeigte, dass die Mehrheit der teilnehmenden Wähler eine solche Nutzenbewertung nicht akzeptierte.
Was Hamburg im neuen olympischen Konzept anbot
Der Hamburger Senat stellte im März 2026 das endgültige Bewerbungskonzept als Projekt von Spielen vor, die sich in den bestehenden Stadtraum einfügen sollten. Nach der Mitteilung der Stadt war der Ausgangspunkt, dass die Olympischen und Paralympischen Spiele nicht so organisiert werden sollten, dass die Stadt dem Ereignis untergeordnet wird, sondern dass das Sportprogramm über erkennbare Stadträume, bestehende Anlagen und temporäre Infrastruktur verteilt wird. In den Werbematerialien wurden kurze Wege, die Nutzung des öffentlichen Verkehrs, die Verbindung des Sports mit Wasser, Parks und der Innenstadt sowie die Idee betont, dass das Ereignis eine sichtbare Spur im breiteren Sportleben der Stadt hinterlassen sollte.
Auch der Finanzrahmen war ein wichtiger Teil der Kampagne. Nach der Mitteilung der Hamburger Behörde für Inneres und Sport wurden die Kosten für Organisation und Durchführung der Spiele auf rund 4,8 Milliarden Euro geschätzt. In diesen Betrag würden nach der offiziellen Erklärung temporäre Infrastruktur, Dienstleistungen, Personal, Technologie, Marketing und Kommunikation einfließen. Gleichzeitig schätzte die Stadt Einnahmen von rund 4,9 Milliarden Euro, unter anderem aus dem Beitrag des Internationalen Olympischen Komitees, Sponsoring, Ticketverkauf, Hospitality-Programmen und Lizenzierung. Auf dieser Grundlage sprachen die Befürworter von einem möglichen Überschuss von rund 100 Millionen Euro, der in Sportinfrastruktur und Breitensport gelenkt werden sollte.
Neben dem operativen Budget sprach Hamburg auch über langfristige Investitionen in Infrastruktur und Stadtentwicklung. Nach offiziellen Informationen der Stadt waren für solche Investitionen rund 1,3 Milliarden Euro vorgesehen, wobei die Stadtbehörden behaupteten, es handele sich um Projekte, die auch über das olympische Ereignis selbst hinaus nützlich seien. Gerade der Unterschied zwischen Organisationskosten und breiteren öffentlichen Investitionen war einer der zentralen Punkte der Debatte. Kritiker warnten, dass sich bei großen Sportereignissen anfängliche Schätzungen oft als zu niedrig erweisen, während Behörden und Sportorganisationen betonten, dass das neue Modell in größerem Maße an bestehende Anlagen und langfristige Bedürfnisse der Stadt angepasst sei.
DOSB hält an der nationalen Bewerbung fest
Der Deutsche Olympische Sportbund gab nach dem Hamburger Ergebnis die breitere nationale Ambition nicht auf. In einer nach der Abstimmung veröffentlichten Mitteilung erklärte der DOSB, dass das Verfahren mit Berlin, KölnRheinRuhr und München fortgesetzt werde. DOSB-Präsident Thomas Weikert sagte, es sei offensichtlich nicht gelungen, eine Mehrheit der Hamburger Wähler vom Mehrwert der Olympischen und Paralympischen Spiele in ihrer Stadt zu überzeugen, betonte zugleich aber, dass dies nichts an der Einschätzung des Verbands ändere, dass es in Deutschland weiterhin eine mehrheitliche Unterstützung für die Idee der Spiele gebe.
Der DOSB erinnerte in derselben Veröffentlichung an die Ergebnisse in anderen Gebieten. Nach Angaben dieser Organisation hat München im Oktober 2025 die zweite Phase des Verfahrens per Referendum erfolgreich durchlaufen, mit 66,4 Prozent Ja-Stimmen. In Nordrhein-Westfalen, wo das Konzept KölnRheinRuhr auf mehreren Städten beruht, endete der Referendumsprozess mit einer großen Mehrheit lokaler Entscheidungen zugunsten der Bewerbung. Kiel, das im Hamburger Konzept als möglicher Standort für Segelwettbewerbe erwähnt wurde, unterstützte im April 2026 ebenfalls die Beteiligung. Doch Hamburgs "Nein" bedeutet, dass dieser Teil eines möglichen Plans im Rahmen der Hamburger Bewerbung nicht weiterentwickelt werden kann.
Otto Fricke, Vorstandsvorsitzender des DOSB, betonte nach der Mitteilung des Verbands, dass das Ergebnis den Wert einer frühen Einbindung der Bürger in das Verfahren vor der endgültigen Entscheidung über den deutschen Kandidaten bestätige. Der DOSB kündigte dabei an, mit Hamburg weiter darüber zu sprechen, ob Teile des städtischen Konzepts unabhängig von der olympischen Bewerbung umgesetzt werden können, insbesondere diejenigen, die sich auf Sportinfrastruktur und Sportentwicklung beziehen. Eine solche Fortsetzung der Zusammenarbeit ändert nichts am Hauptergebnis des Referendums: Hamburg gehört nicht mehr zu den Kandidaten für die deutsche Olympiabewerbung.
Deutschland sucht die Rückkehr der Spiele nach München 1972
Deutschland war seit München 1972 nicht mehr Gastgeber der Olympischen Sommerspiele, und das neue Bewerbungsverfahren ist Teil des Bestrebens, das Land wieder in das internationale Rennen um eine der Ausgaben nach Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 zu bringen. Der DOSB zielt nicht nur auf ein Jahr, sondern betrachtet 2036, 2040 und 2044, mit dem Hinweis, dass der endgültige internationale Zeitplan vom Verfahren des Internationalen Olympischen Komitees abhängen wird. Nach der Erklärung des IOC wird die Wahl des Gastgebers nach der Reform nicht mehr als klassischer Wettbewerb von Kandidatenstädten innerhalb einer streng festgelegten Frist geführt, sondern als flexiblerer Dialog mit möglichen Gastgebern.
Das Internationale Olympische Komitee gibt in seinen Materialien an, dass das neue Modell der Gastgeberauswahl Kosten senken und nachhaltigere Projekte fördern soll, mit maximaler Nutzung bestehender und temporärer Wettkampfstätten sowie dem Bau neuer Anlagen nur dann, wenn ein langfristiger Bedarf besteht. Ein solcher Rahmen kommt theoretisch Konzepten zugute, die sich auf bestehende Infrastruktur und regionale Verteilung der Wettbewerbe stützen, doch das Hamburger Referendum zeigt, dass das reformierte internationale Modell an sich lokale politische Zweifel nicht beseitigt. Für Städte, die im nationalen Verfahren antreten, bleibt öffentliches Vertrauen ebenso wichtig wie sportliche und technische Machbarkeit.
Die Entscheidung aus Hamburg verändert daher die Balance des deutschen Prozesses in der Schlussphase. Berlin geht als Hauptstadt mit großem internationalem Profil in die Fortsetzung des Verfahrens, München als Stadt mit olympischer Geschichte und bestätigter Unterstützung im Referendum, und KölnRheinRuhr als regionales Konzept, das sich auf ein dicht besiedeltes und infrastrukturell entwickeltes Gebiet stützt. Der DOSB muss nun beurteilen, welches der verbleibenden Modelle die beste Kombination aus internationaler Attraktivität, finanzieller Nachhaltigkeit, sportlichem Plan und heimischer Unterstützung hat. Das Hamburger Ergebnis wird dabei eine Warnung bleiben, dass olympische Projekte nicht nur über technische Pläne und Finanzprognosen geführt werden können, sondern auch über überzeugende politische Kommunikation mit den Bürgern.
Endgültiges Ergebnis erst nach amtlicher Bestätigung
Das veröffentlichte Ergebnis ist vorerst ein vorläufiges amtliches Ergebnis. Nach Angaben der Hamburger Verwaltung prüfen die Bezirkswahlorgane am 1. und 2. Juni die Niederschriften aus ihren Gebieten und berichten an die städtische Wahlleitung, während der Senat das endgültige Ergebnis später im Juni formell feststellen soll. Das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein gibt in seinem Veröffentlichungskalender an, dass das endgültige Ergebnis und zusätzliche Publikationen am 25. Juni 2026 erwartet werden. Angesichts des klaren Unterschieds zwischen Nein- und Ja-Stimmen wird nicht erwartet, dass die Prüfung das politische Ergebnis des Referendums verändern könnte.
Für Hamburg bedeutet dies das Ende eines weiteren Versuchs, sich als Olympiastadt zu positionieren, zumindest im aktuellen deutschen Zyklus. Für den DOSB bedeutet es eine engere Auswahl, aber auch eine klarere Aufgabe im weiteren Verfahren: Er muss die verbleibenden Kandidaten nicht nur nach sportlichen und infrastrukturellen Kriterien vergleichen, sondern auch nach nachweisbarer öffentlicher Unterstützung. Die endgültige deutsche Entscheidung am 26. September 2026 wird noch nicht bedeuten, dass Deutschland die Spiele erhält, sondern nur, dass ein Konzept mit größerem politischem Gewicht in die internationale Phase eintritt. Die Hamburger Wähler haben entschieden, dass ihre Stadt an dieser Phase nicht teilnehmen wird.
Quellen:
- Landeswahlamt Hamburg / hamburg.de – Mitteilung über den Verlauf des Referendums, die Beteiligung, das vorläufige Ergebnis und das weitere Verfahren zur Bestätigung des Ergebnisses (Link)
- Wahlen Hamburg / Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein – offizielle Präsentation der vorläufigen Ergebnisse des Referendums 2026 nach Stimmenzahl, Anteilen, Quorum und Wahlbeteiligung (Link)
- Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein – Vergleich des vorläufigen Ergebnisses des olympischen Referendums 2026 mit dem Referendum aus dem Jahr 2015 (Link)
- Deutscher Olympischer Sportbund – Reaktion des DOSB auf das Hamburger Referendum und Fortsetzung des Prozesses mit Berlin, KölnRheinRuhr und München (Link)
- Deutscher Olympischer Sportbund – Beschluss über das weitere nationale Verfahren, Fristen, Kriterien und die außerordentliche Mitgliederversammlung am 26. September 2026 (Link)
- Freie und Hansestadt Hamburg – Finanzkonzept der Hamburger Bewerbung, einschließlich der Schätzung des Organisationsbudgets und der erwarteten Einnahmen (Link)
- Freie und Hansestadt Hamburg – Vorstellung des endgültigen Olympiakonzepts Hamburgs und seiner wichtigsten Programmelemente (Link)
- Internationales Olympisches Komitee – Erklärung des reformierten Verfahrens zur Auswahl von Gastgebern der Olympischen Spiele und Betonung bestehender, temporärer und langfristig gerechtfertigter Wettkampfstätten (Link)