München hat das olympische Rennen wieder eröffnet: Der Stadtrat unterstützte das endgültige Konzept für die Spiele 2036, 2040 oder 2044
München hat einen wichtigen Schritt in Richtung einer möglichen deutschen Bewerbung für die Olympischen und Paralympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 gemacht. Der Stadtrat der bayerischen Landeshauptstadt unterstützte in seiner Vollversammlung am 20. Mai 2026 mit großer Mehrheit erneut die Absicht, dass die Stadt mit Unterstützung des Freistaats Bayern im Verfahren des Deutschen Olympischen Sportbundes, bekannt unter der Abkürzung DOSB, als deutscher Kandidat ausgewählt wird. Nach Angaben der Stadt München nahmen die Stadträtinnen und Stadträte zugleich das endgültige, vertiefte Bewerbungskonzept an, das in den vergangenen Monaten in Zusammenarbeit städtischer Referate, Bayerns, der Wissenschaft, der Wirtschaft und des organisierten Sports erarbeitet worden war.
Die Entscheidung bedeutet nicht, dass München bereits das Recht zur Ausrichtung der Spiele erhalten hat, und auch nicht, dass Deutschland bereits offiziell international kandidiert. Es handelt sich um die nationale Auswahlphase, in der München mit Berlin, Hamburg und der Region Köln-Rhein-Ruhr konkurriert. Der DOSB soll nach dem angekündigten Zeitplan auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 26. September 2026 in Baden-Baden über den deutschen Kandidaten entscheiden. Erst danach wäre eine internationale Phase gegenüber dem Internationalen Olympischen Komitee möglich, dessen Verfahren zur Vergabe der Gastgeberrolle in den vergangenen Jahren flexibler geworden ist als früher und nicht mehr an den strengen Zyklus von sieben Jahren vor der Austragung der Spiele gebunden ist.
München stützt seine Bewerbung auf das prägende olympische Erbe von 1972, die bestehende Sportinfrastruktur und die Idee kompakter, nachhaltiger Spiele. Die Stadt will dabei zeigen, dass sich ein großes Sportereignis in langfristige städtebauliche, verkehrliche und ökologische Ziele einfügen lässt und nicht als abgesondertes Projekt gebaut wird, das nur wenige Wochen dauert. In offiziellen Dokumenten wird betont, dass bestehende Standorte modernisiert würden, dass Neubauten durch langfristige Nutzung gerechtfertigt würden und dass das olympische und paralympische Projekt die Entwicklung von Wohnraum, öffentlichem Verkehr und Grünflächen beschleunigen sollte.
Das Konzept setzt auf kurze Wege und bestehende Sportstätten
Nach der Mitteilung der Stadt München bleibt eine der Hauptstärken der Bewerbung die Kompaktheit des Sportplans. Im neuen Konzept wird hervorgehoben, dass die Fahrt vom Olympischen Dorf zu 90 Prozent der Sportstätten weniger als 30 Minuten dauern würde, während etwa die Hälfte der Sportarten auf dem Gelände des Olympiaparks stattfinden würde. Die Stadt führt außerdem an, dass mehr als 90 Prozent der Athletinnen und Athleten im Olympischen Dorf untergebracht würden, was im Vergleich zu Bewerbungen, die sich auf deutlich stärker verstreute Standorte stützen, ein wichtiges Element ist.
Das vertiefte Konzept bringt auch Änderungen im Sportartenplan. Nach Angaben Münchens wurden Baseball für Männer, Softball für Frauen, Cricket, Flag Football, Lacrosse und Squash als zusätzliche Sportarten in den Plan aufgenommen. Squash würde nach dem städtischen Plan im neuen Quartier des PaketPost-Areals stattfinden, während für Fußball ein kompakterer Spielplan vorgesehen ist als im früheren Vorschlag. Neben der Allianz Arena, Nürnberg, Augsburg und Stuttgart werden nun auch das Stadion an der Grünwalder Straße, das Olympiastadion für ausgewählte Spiele der Gruppenphase sowie Ingolstadt genannt, wobei auf weiter entfernte Stadien verzichtet würde.
Ein solches Modell würde nach Darstellung der Stadt die Möglichkeit eröffnen, dass erstmals alle Fußballteams im Olympischen Dorf untergebracht werden und dadurch stärker mit dem übrigen olympischen Ereignis verbunden sind. In der Bewerbung wird auch die Theresienwiese besonders hervorgehoben, die vor allem als Gelände des Oktoberfests bekannt ist und auf der das Konzept einer sogenannten "Olympischen Wiesn" entwickelt werden könnte. Die Stadt gibt an, dass dort einzelne Inhalte, ein Freiwilligenzentrum und nach derzeitigem Plan der Wettbewerb im Beachvolleyball stattfinden könnten. Eine solche Lösung sollte das Sportprogramm mit der lokalen urbanen und kulturellen Identität Münchens verbinden, ihre Umsetzbarkeit wird jedoch von einer weiteren Prüfung der Sicherheits-, Verkehrs- und Organisationsanforderungen abhängen.
"Zirkuläre Spiele" und autonome Mobilität als zentrale Trümpfe
Die Münchner Bewerbung will sich durch den Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit und Innovation von der Konkurrenz unterscheiden. Im neuen Konzept werden besonders zwei große Projekte hervorgehoben, die die Stadt als "Powerprojekte" bezeichnet. Das erste trägt den Titel "Grünes München + zirkuläre Spiele" und soll zeigen, wie die Organisation eines großen Sportereignisses nach den Grundsätzen der Kreislaufwirtschaft geführt werden kann. Nach Angaben der Stadt München umfasst die Idee zirkuläres Bauen und Infrastruktur, die Anpassung des öffentlichen Raums an den Klimawandel, Urban Mining und die Nutzung von Materialströmen auf eine Weise, die Abfall verringern und die Wiederverwendung von Ressourcen erhöhen würde.
Das zweite Projekt betrifft autonome Mobilität. München will die Spiele als Katalysator für das Testen und die Einführung autonomer Lösungen im öffentlichen Verkehr und im Stadtverkehr nutzen. In der offiziellen Beschreibung werden autonome Fahrzeuge im öffentlichen Verkehr, autonome Rikscha-Shuttles und datenbasierte Steuerung von Verkehrsströmen erwähnt. Ziel ist es nach Angaben der Stadt, ein sichtbares und wirksames System zu entwickeln, das nicht nur Besucherinnen und Besuchern sowie Teilnehmenden der Spiele dienen würde, sondern auch nach Ende des Wettbewerbs nützlich bliebe.
Solche Elemente folgen der breiteren Richtung der olympischen Reformen. Das Internationale Olympische Komitee erklärt in seinen offiziellen Erläuterungen zum Verfahren der Gastgeberauswahl, dass von Kandidaten eine stärkere Nutzung bestehender und temporärer Wettkampfstätten sowie Neubauten nur dort erwartet werden, wo ein klarer langfristiger Bedarf besteht. Damit sollen finanzielle und infrastrukturelle Risiken verringert werden, insbesondere nach früheren Ausgaben der Spiele weltweit, die wegen teurer Anlagen ohne nachhaltige Nutzung nach dem Wettbewerb kritisiert wurden. Die Münchner Bewerbung präsentiert sich deshalb als Versuch, das olympische Projekt mit der bereits geplanten Entwicklung der Stadt zu verbinden und nicht als eigenständige investive Ausnahme.
Die Bürgerinnen und Bürger haben bereits Unterstützung gegeben, aber das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen
Eine wichtige politische Grundlage der Bewerbung ist der Bürgerentscheid vom 26. Oktober 2025. Nach dem von der Stadt München veröffentlichten amtlichen Endergebnis unterstützten 305.349 Wählerinnen und Wähler beziehungsweise 66,4 Prozent der Abstimmenden die Frage, ob sich die Stadt für die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. Dagegen stimmten 154.359 Wählerinnen und Wähler beziehungsweise 33,6 Prozent. Die Stadt teilte mit, dass das erforderliche Quorum erfüllt sei, und die Beteiligung betrug 42 Prozent, was als Rekord für einen Bürgerentscheid in München beschrieben wurde.
Diese Unterstützung hat erhebliches politisches Gewicht, weil die Frage olympischer Bewerbungen in Deutschland in der Vergangenheit häufig auf Vorsicht oder offenen Widerstand der Bürgerinnen und Bürger stieß. München hatte zuvor seine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022 nach dem negativen Ausgang eines Bürgerentscheids im Jahr 2013 aufgegeben, während auch andere deutsche Städte in früheren Jahren Probleme mit lokaler Unterstützung für große Sportprojekte hatten. Deshalb stärkt die aktuelle Zweidrittelunterstützung in München die Argumente jener, die der Ansicht sind, dass die Stadt ein gesellschaftliches Mandat zur Fortsetzung des Verfahrens hat.
Dennoch reicht der Bürgerentscheid für sich genommen nicht aus, um als deutscher Kandidat ausgewählt zu werden. Der DOSB bewertet im aktuellen Verfahren mehrere Vorschläge und kündigt an, dass in der Schlussphase eine Evaluierungsmatrix verwendet wird. Nach Informationen des DOSB werden internationale Wettbewerbsfähigkeit, wirtschaftliche Machbarkeit und Nachhaltigkeit der vorgeschlagenen Konzepte berücksichtigt. In der offiziellen Beschreibung des Verfahrens führt der DOSB aus, dass Berlin, Hamburg, München und die Region Rhein-Ruhr die erste Phase bestanden haben, während in der zweiten Phase lokale Referenden dort ermöglicht werden, wo Städte oder Regionen sie durchführen wollen oder müssen.
Der DOSB wählt zwischen vier deutschen Konzepten
Deutschland geht nicht mit einer von vornherein festgelegten Stadt in dieses Rennen, sondern mit mehreren inländischen Kandidaten. Der DOSB nennt auf seinen Seiten vier Konzepte: Berlin, Hamburg, München und Köln-Rhein-Ruhr. Jedes von ihnen versucht, ein anderes Modell der Spiele anzubieten. Berlin präsentiert sich als Hauptstadt mit großer symbolischer Bedeutung und Partnerregionen, Hamburg betont die Einbindung der Spiele in das urbane Leben der Stadt am Wasser, während die Region Köln-Rhein-Ruhr auf ein dicht besiedeltes und sportlich starkes Gebiet Nordrhein-Westfalens setzt. München wiederum stützt sich auf olympisches Erbe, kurze Wege, den Plan eines einheitlichen Olympischen Dorfes und bayerische Unterstützung.
Nach Angaben der Stadt München soll das endgültige Konzept bis zum 4. Juni 2026 zusammen mit einem umfangreichen Fragebogen beim DOSB eingereicht werden. Dieser Fragebogen umfasst nach Darstellung der Stadt 25 Themenbereiche, die mit fünf thematischen Feldern der Nachhaltigkeit verbunden sind: dem Geist der Spiele, sportlicher, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit sowie der Perspektive junger Menschen. Danach soll der DOSB die Konzepte unter Einbeziehung der olympischen Sportverbände und des Bundes bewerten.
Die endgültige Entscheidung über den deutschen Kandidaten ist für den 26. September 2026 in Baden-Baden vorgesehen. Wenn der DOSB München auswählt, treten die Stadt und die deutsche Sportspitze in die nächste Phase ein, also in die Kommunikation mit dem Internationalen Olympischen Komitee. Wird ein anderes deutsches Konzept ausgewählt, bliebe München ohne nationale Nominierung, unabhängig von der Unterstützung des Stadtrats und dem Ergebnis des lokalen Bürgerentscheids.
Das Austragungsjahr ist noch nicht festgelegt
Eine Besonderheit der aktuellen deutschen Strategie besteht darin, dass nicht ausschließlich ein Jahr angepeilt wird. In den Dokumenten des DOSB heißt es, dass Deutschland die Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 prüft. Der DOSB erklärt, dass es in dieser Phase nicht notwendig sei, sich im Voraus auf ein Jahr festzulegen, sondern bereit zu sein für den Moment, in dem sich im internationalen Verfahren eine realistische europäische Chance öffnet. Das ist wichtig, weil das Internationale Olympische Komitee keine klassische Bewerbungsrunde nach altem Modell mehr durchführt, sondern über einen kontinuierlichen Dialog und gezielte Gespräche mit potenziellen Gastgebern arbeitet.
Nach der Erklärung des IOC wurde das neue Modell der Gastgeberauswahl entwickelt, um Bewerbungskosten zu senken, Flexibilität zu erhöhen und Projekte zu fördern, die bestehende Infrastruktur nutzen. In einem solchen System können interessierte Kandidaten in den kontinuierlichen Dialog eintreten, und erst später, wenn das IOC beurteilt, dass das Projekt genügend Potenzial hat, ist die Eröffnung eines gezielten Dialogs mit einem ausgewählten bevorzugten Gastgeber möglich. Das bedeutet, dass selbst die nationale Auswahl durch den DOSB den Erhalt der Spiele nicht automatisch garantieren würde, sondern erst die Tür zum internationalen Verfahren öffnete.
Politisch und historisch hat das Jahr 2036 in Deutschland besonderes Gewicht, weil es den hundertsten Jahrestag der Olympischen Spiele 1936 in Berlin markieren würde, die während des NS-Regimes stattfanden. Deshalb wird in der deutschen Öffentlichkeit diskutiert, ob gerade dieses Jahr eine Gelegenheit für ein demokratisches und offenes olympisches Projekt sein sollte oder ob es angemessener wäre, 2040 oder 2044 anzustreben. Der DOSB beendet diese Debatte vorerst nicht mit einem einzigen Datum, sondern lässt Raum für eine Entscheidung nach nationaler und internationaler Entwicklung des Verfahrens.
Unterstützung Bayerns und politische Argumente für die Bewerbung
Der Freistaat Bayern unterstützt die Münchner Bewerbung öffentlich. Das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration erklärt, dass Bayern gemeinsam mit München und Partnern eine nachhaltige und international überzeugende Bewerbung für die Spiele 2036, 2040 oder 2044 entwickeln will. Das Ministerium beschrieb das Ergebnis des Referendums vom Oktober 2025 als starkes Signal für München als Sportstadt und für Bayern als sportlichen, nachhaltigen und international wettbewerbsfähigen Raum.
Münchner Verantwortliche verbinden die Bewerbung mit Stadtentwicklung. Bürgermeister Dominik Krause erklärte in der Mitteilung, München verfüge über Erfahrung mit Großereignissen, internationale Bekanntheit und olympisches Erbe, und hob Nachhaltigkeit und Innovationskraft als Besonderheit der Bewerbung hervor. Sportreferent Florian Kraus betonte, Ziel sei es, Spiele zu organisieren, die ein Gewinn für die gesamte Stadtgesellschaft wären, mit einer zusätzlich kompakten Sportlösung und Nachhaltigkeitsprojekten, die nach Einschätzung der Stadt Modellcharakter für Deutschland haben könnten.
Kritische Fragen werden jedoch auch nach der Entscheidung des Stadtrats nicht verschwinden. Jede olympische Bewerbung eröffnet Debatten über Kosten, Haushaltsrisiken, Sicherheit, Baufristen, Verkehrsbelastungen und den tatsächlichen Nutzen für die Bevölkerung. Im Fall Münchens wird besonders verfolgt werden, wie realistisch die angekündigten Projekte in den vorgesehenen Fristen tatsächlich sind, wie hoch die öffentlichen Kosten sein werden und ob sich die Versprechen zirkulärer, kompakter und langfristig nützlicher Spiele durch konkrete Haushalte und Verträge bestätigen lassen.
Das olympische Projekt tritt nun in entscheidende Monate ein
Die Entscheidung des Münchner Stadtrats ist daher wichtig, aber nicht endgültig. Sie bedeutet, dass die Stadt mit einem politisch bestätigten und weiter ausgearbeiteten Konzept in die nationale Auswahl geht. Im Vergleich zur Anfangsphase ist die Bewerbung nun konkreter beim Sportartenplan, bei Verkehrsideen, Nachhaltigkeit, Nutzung der Theresienwiese, Unterbringung der Athletinnen und Athleten und Verbindung mit der Stadtentwicklung. Gleichzeitig müssen zentrale Fragen zu Finanzierung, Risiken und internationaler Konkurrenz erst in der abschließenden Bewertung des DOSB ihr volles Gewicht erhalten.
Für Deutschland handelt es sich um einen der wichtigsten sportpolitischen Prozesse der kommenden Monate. Wenn sich der DOSB am 26. September für München entscheidet, wird die Stadt zum Gesicht der deutschen Ambition, die Olympischen Sommerspiele erstmals seit München 1972 wieder in Deutschland auszurichten. Falls Berlin, Hamburg oder Köln-Rhein-Ruhr ausgewählt wird, bleibt das Münchner Konzept ein starker, aber nicht ausreichender Versuch, das olympische Feuer in eine Stadt zurückzubringen, die weiterhin mit dem Erbe der Spiele von 1972 lebt.
Quellen:
- Stadt München – Mitteilung über die Unterstützung des Stadtrats für das vertiefte Olympiabewerbungskonzept und das weitere Verfahren in Richtung DOSB (Link)
- DOSB – offizielle Informationen zum deutschen Bewerbungsverfahren, zu den Kandidaten und Auswahlphasen (Link)
- Bayerisches Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration – Informationen zur Unterstützung Bayerns für die Münchner Olympiabewerbung (Link)
- Stadt München – amtliches Endergebnis des Bürgerentscheids zur Olympiabewerbung vom 26. Oktober 2025 (Link)
- Internationales Olympisches Komitee – Erläuterung des reformierten Verfahrens zur Auswahl des Gastgebers der Olympischen Spiele (Link)