Die EU eröffnet ein neues Kapitel der Industriepolitik: „Made in EU“ ist nicht länger ein Slogan, sondern eine gesetzgeberische Richtung
Am 3. März 2026 stellte die Europäische Kommission den Industrial Accelerator Act vor, einen Verordnungsvorschlag, mit dem sie die heimische Produktion in strategischen Sektoren stärken und die Nachfrage nach europäischen, kohlenstoffarmen Produkten und Technologien erhöhen will. Es handelt sich um einen der direktesten Versuche Brüssels, Industrie-, Klima- und Handelspolitik in einem einzigen Paket zu verbinden: Das Ziel ist nicht mehr nur die Dekarbonisierung, sondern auch die Sicherung von Produktion, Arbeitsplätzen, Investitionen und wichtigen Lieferketten innerhalb der Europäischen Union. In der Praxis bedeutet dies, dass die öffentliche Beschaffung, staatliche Beihilfen und ein Teil der Investitionsregeln künftig Waren und Technologien, die in Europa hergestellt werden, stärker begünstigen sollen, insbesondere dort, wo die Union der Auffassung ist, zu stark von externen Lieferanten abhängig zu sein. Dabei spricht die Kommission offen von „Made in EU“-Kriterien, wodurch die bisherige europäische Rhetorik des offenen Handels einen deutlich härteren industriellen Ton erhält.
Eine solche Wende kam nicht überraschend, wurde nun aber erstmals in einen so klaren regulatorischen Vorschlag gegossen. In den vergangenen Jahren hat Brüssel angesichts der Energiekrise, von Störungen der Lieferketten, amerikanischen Anreizen für die grüne Industrie und des starken Wachstums der chinesischen Produktion immer offener vor den strategischen Abhängigkeiten Europas gewarnt. In diesem Kontext ist der Industrial Accelerator Act nicht nur eine technische Vorschrift, sondern auch eine politische Botschaft, dass die EU nicht länger in erster Linie ein Markt für den Import fertiger sauberer Technologien sein will, sondern ein Raum, in dem solche Technologien entwickelt, produziert und installiert werden. Damit rückt die Industriepolitik wieder in das eigentliche Zentrum des europäischen Projekts, und die Frage der Wettbewerbsfähigkeit wird ebenso wichtig wie die Klimaziele.
Von der „sauberen Transition“ zur industriellen Verteidigung
Die Kommission verknüpft den Vorschlag mit dem breiteren Rahmen des Clean Industrial Deal, der bereits am 26. Februar 2025 vorgestellt wurde und mit dem angekündigt wurde, dass die EU die heimische Produktion sauberer Technologien und energieintensiver Industrien stärker unterstützen werde. In diesem Dokument war bereits skizziert worden, dass ein künftiges Gesetz die Nachfrage nach europäischen sauberen Produkten durch Kriterien der Nachhaltigkeit, Resilienz und europäischen Präferenz in der öffentlichen Beschaffung steigern sowie Märkte für kohlenstoffarme Industrieprodukte schaffen werde. Der Vorschlag dieser Woche konkretisiert nun diese Richtung: „Made in EU“ ist nicht länger eine politische Parole aus Reden europäischer Amtsträger, sondern die Grundlage für künftige Regeln in strategischen Sektoren.
Der breitere Kontext erklärt, warum die Kommission diesen Weg eingeschlagen hat. Der Rat der EU betont in seinen Überprüfungen der Industriepolitik, dass die Union Wettbewerbsfähigkeit, die Widerstandsfähigkeit des Binnenmarkts und strategische Autonomie stärken und zugleich die Abhängigkeit von Drittländern bei kritischen Rohstoffen und Technologien verringern will. Der Net-Zero Industry Act, der 2024 in Kraft trat, hat bereits den Rahmen für die Stärkung der europäischen Produktion sauberer Technologien gesetzt und das Ziel festgelegt, dass bis 2030 in Europa Kapazitäten für mindestens 40 Prozent des jährlichen Bedarfs der Union an strategischen Netto-Null-Technologien produziert werden sollen. Der Industrial Accelerator Act geht einen Schritt weiter: Er befasst sich nicht nur mit Angebot und Produktionskapazität, sondern auch mit der Schaffung einer garantierten Nachfrage nach europäischen Waren, wenn öffentliche Mittel ausgegeben werden oder der Staat den Markt durch Beihilfen lenkt.
Das ist ein wichtiger Unterschied. Die bisherige europäische Antwort stützte sich vor allem auf Subventionen, die Lockerung der Regeln für staatliche Beihilfen und die Beschleunigung von Genehmigungen. Der neue Vorschlag versucht, die eigentliche Logik des Marktes zu verändern: Wenn Europa Fabriken für Batterien, Netzausrüstung, Solarkomponenten, kohlenstoffarmen Stahl oder andere wichtige Industrieprodukte haben will, dann muss es auch Käufer für diese Waren sichern. Mit anderen Worten: Die Kommission versucht, öffentliche Ausgaben, Industriestrategie und die Klimatransition in einem einheitlichen Anreizsystem zu verbinden.
Was der Industrial Accelerator Act konkret bringt
Nach den offiziellen Erläuterungen der Europäischen Kommission führt der Vorschlag „Made in EU“- und kohlenstoffarme Anforderungen für die öffentliche Beschaffung und öffentliche Förderprogramme in wichtigen strategischen Sektoren ein. Im Fokus stehen europäische Produkte und Technologien, die zur Dekarbonisierung beitragen, aber auch die externe Abhängigkeit verringern können. Die Kommission hat dabei bereits angedeutet, dass sie im Laufe des Jahres 2026 den breiteren Rahmen der öffentlichen Beschaffung überarbeiten wird, um in strategischen Bereichen Kriterien der Nachhaltigkeit, Resilienz und europäischen Präferenz einzuführen. Mit anderen Worten: Nicht mehr allein der niedrigste Preis wird ausschlaggebend sein, sondern auch, wo das Produkt hergestellt wurde, wie hoch sein CO2-Fußabdruck ist, wie sicher die Lieferkette ist und ob die Investition zur europäischen industriellen Basis beiträgt.
Auf der Kommissionsseite, die den Clean Industrial Deal begleitet, wurde außerdem veröffentlicht, dass der Vorschlag Bedingungen für Investitionen von mindestens 100 Millionen Euro festlegt, wenn sie von Unternehmen aus Staaten außerhalb der EU kommen, die mehr als 40 Prozent der globalen Produktionskapazitäten in Bereichen wie Elektrofahrzeuge, Batterien, Solarenergie und kritische Rohstoffe kontrollieren. Damit solche Investitionen akzeptabel sind, müssten sie nach der Erläuterung der Kommission hochwertige Arbeitsplätze, Innovationen, einen echten Mehrwert in der EU schaffen und lokale Inhaltsanforderungen erfüllen. Das zeigt, dass sich der Vorschlag nicht nur auf die Förderung europäischer Waren beschränkt, sondern auch auf die Filterung ausländischen Kapitals durch die Brille der wirtschaftlichen Sicherheit.
In der Praxis könnte ein solcher Ansatz bedeuten, dass der Zugang zu Subventionen, Ausschreibungen oder anderen öffentlichen Instrumenten für Hersteller deutlich leichter sein wird, die Produktion und Lieferketten innerhalb Europas haben oder innerhalb des Kreises von Ländern, mit denen die Union besondere Abkommen und gegenseitigen Marktzugang hat. Gleichzeitig könnten Hersteller, die auf stark dominante externe Lieferketten angewiesen sind, mit zusätzlichen Bedingungen, Herkunftsnachweisen und regulatorischen Hürden konfrontiert werden. Damit will die Kommission das Risiko verringern, dass europäisches Geld das Wachstum der industriellen Basis außerhalb Europas fördert, während heimische Hersteller unter dem Druck billigerer Importe und teurerer Energie bleiben.
Stahl, Zement, Batterien und Solar: die Sektoren, in denen sich die tatsächliche Wirkung zeigen wird
Obwohl die politische Botschaft breit angelegt ist, werden sich die tatsächlichen Auswirkungen des Gesetzes zunächst in einigen wenigen Sektoren zeigen. In energieintensiven Branchen wie Stahl, Zement und der chemischen Industrie ist das Problem nicht nur der Energiepreis, sondern auch die Tatsache, dass europäische Hersteller in die Dekarbonisierung investieren müssen, während sie gleichzeitig mit Waren aus Systemen mit weniger strengen Regeln konkurrieren. Die Kommission setzt sich deshalb schon seit Längerem für die Schaffung von „Lead Markets“ ein, also von Märkten, auf denen Käufer bereit sein werden, mehr für sauberere Industrieprodukte zu zahlen, insbesondere wenn sie vom öffentlichen Sektor gekauft werden. In diesem Kontext wurde bereits 2025 die Einführung eines freiwilligen Labels für die Kohlenstoffintensität von Industrieprodukten angekündigt, zunächst für Stahl und anschließend auch für Zement, um dem Markt den Unterschied zwischen Standard- und kohlenstoffarmer Produktion deutlicher zu machen.
Bei sauberen Technologien liegt der Fokus darauf, dass Europa nicht nur Regulierer und Käufer bleibt, sondern auch Produzent wird. Der Net-Zero Industry Act hat bereits das Ziel gesetzt, die heimische Produktion von Solarpaneelen, Windturbinen, Batterien, Wärmepumpen, Netzausrüstung und anderen strategischen Technologien zu stärken. Der Industrial Accelerator Act soll nun dazu beitragen, dass diese Kapazitäten tatsächlich mit Aufträgen gefüllt werden. Das ist besonders wichtig nach Jahren der Warnungen, dass europäische Hersteller von Solartechnik und Batterien nur schwer mit asiatischen Produzenten konkurrieren können, vor allem wegen der Preise, des Produktionsmaßstabs und der staatlichen Unterstützung in Drittländern.
Der Automobilsektor stellt einen zusätzlich sensiblen Bereich dar. Die Kommission hat bereits in anderen Gesetzgebungsvorschlägen für 2026 angekündigt, dass künftige Regeln dabei helfen sollen, „die europäische Produktion zentraler Komponenten von in der EU verkauften Elektrofahrzeugen aufrechtzuerhalten“, sodass öffentliche Unterstützung für den Automobilsektor an Kriterien der Resilienz und Nachhaltigkeit geknüpft wird. Das deutet auf die Absicht hin, dass sich der europäische Übergang zu Elektrofahrzeugen nicht in eine Situation verwandeln soll, in der in Europa überwiegend importierte Produkte gekauft werden, während heimische Zulieferer und Hersteller Marktanteile verlieren.
Warum Brüssel jetzt die Sprache des Industrieschutzes spricht
Hinter dem Vorschlag steht auch eine tiefere Veränderung im politischen Vokabular der EU. Jahrelang scheute Brüssel alles, was als Protektionismus ausgelegt werden könnte, und gab den Regeln des Wettbewerbs und dem offenen Handel den Vorrang. Heute jedoch sprechen die europäischen Institutionen immer häufiger über wirtschaftliche Sicherheit, Resilienz, reziproken Handel und strategische Autonomie. In den Dokumenten des Rates der EU wird dies direkt mit der Verringerung der Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen und Technologien verknüpft, während die Kommission in ihrem Jahresbericht 2026 über den Binnenmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit vor wachsendem Druck aus Drittländern, der Umlenkung von Produktionsüberschüssen auf den europäischen Markt und der immer offeneren „Bewaffnung von Abhängigkeit“ in der internationalen Wirtschaft warnt.
Das ist nicht nur eine europäische Reaktion auf China, auch wenn der chinesische Faktor offensichtlich ist. Die Kommission reagiert zugleich auch auf den amerikanischen Inflation Reduction Act, auf die Kriegs- und Energieunsicherheit nach der russischen Invasion in die Ukraine sowie auf die immer deutlichere Angst, dass Europa zwischen zwei Großmächten als technologischer und industrieller Käufer und nicht als Produzent verbleiben wird. Deshalb wird in der europäischen Sprache immer häufiger von „industrieller Souveränität“ gesprochen und weniger ausschließlich von Marktneutralität. Der Industrial Accelerator Act ist genau Ausdruck dieses Wandels: Brüssel spricht formal weiterhin von Offenheit, aber von einer Offenheit, die nicht mehr bedingungslos ist.
Mögliche Widerstände: Preis, Bürokratie und Handelsspannungen
Obwohl die Kommission den Vorschlag als Weg zur Stärkung der europäischen Produktion, der Arbeitsplätze und der technologischen Basis präsentiert, sind Widerstände zu erwarten und bereits sichtbar. Ein Teil der Mitgliedstaaten und der Industrieverbände befürchtet, dass strengere lokale Inhaltsanforderungen die Kosten erhöhen, die Beschaffung verlangsamen und grenzüberschreitende Wertschöpfungsketten zusätzlich verkomplizieren könnten. Besonders sensibel ist die Frage, wie ein „europäisches“ Produkt in Industrien definiert werden soll, in denen Komponenten, Rohstoffe und Endmontage über mehrere Länder verteilt sind, einschließlich Partnern außerhalb der EU.
Hinzu kommt die außenwirtschaftliche Dimension. Mehrere Medienberichte nach der Vorstellung des Vorschlags warnten, dass die neuen Regeln Spannungen mit Partnern wie dem Vereinigten Königreich oder Japan auslösen, aber auch neue Fragen im Verhältnis zu China aufwerfen könnten. Ein Teil der europäischen Industrien, insbesondere die Automobilindustrie, ist tief in globale Lieferketten eingebunden und fürchtet Gegenmaßnahmen oder dass ein zu schnelles Schließen des Marktes die Transition verteuert. Auf der anderen Seite argumentieren die Befürworter des Vorschlags, dass Europa nicht länger den Luxus habe, völlig offen zu bleiben, während andere große Volkswirtschaften ihre eigene Produktion aggressiv schützen und Subventionen als industrielle Waffe einsetzen.
Offen ist auch die Frage der Umsetzung. Es ist das eine, politisch attraktive Regeln zu verabschieden, und etwas anderes, sie umzusetzen, ohne neue Bürokratie zu schaffen. Wenn von Unternehmen komplexe Nachweise über Herkunft, den Anteil heimischer Produktion, die Kohlenstoffintensität und die Eigentümerstruktur verlangt werden, könnten kleinere Hersteller unter unverhältnismäßigem administrativem Druck geraten. Deshalb werden präzise Definitionen, sektorale Ausnahmen und Übergangsfristen in der weiteren Debatte eine wichtige Rolle spielen.
Was der Vorschlag über die Richtung Europas aussagt
Unabhängig davon, wie die Verhandlungen im Europäischen Parlament und unter den Mitgliedstaaten ausgehen werden, ist eines schon jetzt klar: Die EU hat einen weiteren Schritt hin zu einer aktiven Industriepolitik gemacht, die offen Prioritäten setzt. Der Industrial Accelerator Act zeigt, dass die europäische Klimapolitik nicht mehr nur über Emissionsminderungsziele geführt wird, sondern auch über die Frage, wo Stahl, Batterien, Netzausrüstung, Solarkomponenten und andere für die Energie- und Technologietransition zentrale Güter produziert werden. Damit kehrt ein Thema in das europäische Entscheidungszentrum zurück, das jahrelang am Rand stand: Kann die Union wirtschaftlich relevant bleiben, wenn sie die Produktion anderen überlässt und selbst nur Konsum, Standards und Regulierung behält.
Für europäische Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen ist die Debatte über die „Made in EU“-Politik daher nicht abstrakt. Sie betrifft die Kosten der Transition, die Zukunft industrieller Arbeitsplätze, die Position europäischer Hersteller und die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gegenüber externen Schocks. Die Kommission schlägt nun eine Antwort vor, die weit entschlossener ist als noch vor einigen Jahren: Europa will Klimaneutralität, aber nicht um den Preis weiterer Deindustrialisierung. Ob dieser Versuch zu einem neuen Investitionszyklus und stärkerer heimischer Produktion führen oder sich in einen Streit zwischen Industrieschutz und offenem Markt verwandeln wird, hängt vom politischen Willen der Mitgliedstaaten und davon ab, wie gut es Brüssel gelingen wird, grüne Ambitionen, Marktregeln und geopolitische Realität in Einklang zu bringen.
Quellen:- Europäische Kommission – offizielle Seite zum Clean Industrial Deal mit einem Überblick über Ziele, Finanzierung und die Rolle des Industrial Accelerator Act in der neuen Industriestrategie (Link)- Europäische Kommission, Press corner – Mitteilung über die Vorstellung des Industrial Accelerator Act vom 3. März 2026 und die offizielle Beschreibung des Vorschlags (Link)- Europäische Kommission – Mitteilung zum Clean Industrial Deal mit Details zur Nachfrage nach in der EU hergestellten Produkten, Kennzeichnungen der Kohlenstoffintensität und geplanter Finanzierung (Link)- Rat der Europäischen Union – Überblick über die Ziele der EU-Industriepolitik, strategische Autonomie, kritische Rohstoffe und den Net-Zero Industry Act (Link)- EUR-Lex – Jahresbericht der Kommission über den Binnenmarkt und die Wettbewerbsfähigkeit für 2026 mit Schwerpunkt auf dem Druck aus Drittländern und der Notwendigkeit, die industrielle Resilienz zu stärken (Link)- Europäische Kommission – Seite zum Net-Zero Industry Act als bestehendem regulatorischem Rahmen zur Stärkung der heimischen Produktion sauberer Technologien (Link)
Unterkünfte in der Nähe finden
Erstellungszeitpunkt: 12 Stunden zuvor