Wales entzog Infantino als Erster die Unterstützung, England schloss sich vor der Wahl des FIFA-Präsidenten an
Der Fußballverband von Wales wurde am Montag, dem 3. August 2026, zum ersten nationalen Verband, der seine Unterstützung für die Kandidatur von Gianni Infantino für eine Amtszeit als FIFA-Präsident von 2027 bis 2031 öffentlich zurückzog. Kurz nach der walisischen Entscheidung schlug auch der englische Fußballverband denselben Kurs ein, wodurch die Unzufriedenheit mit der Führung des Weltfußballverbandes zusätzliches politisches Gewicht erhielt. Vor dem Ausbruch der jüngsten Krise waren beide Verbände bereit gewesen, Infantinos Kandidatur zu unterstützen, änderten jedoch nach dem umstrittenen Projekt FIFA Forward Enterprise ihre Haltung. Berichten von Reuters und der britischen Nachrichtenagentur PA zufolge wird die englische FA die FIFA darüber informieren, dass das zuvor übermittelte Unterstützungsschreiben nicht mehr gültig ist. Der Schritt von Wales und England entscheidet vorerst nicht über den Ausgang der Wahl, zeigt jedoch, dass die Unterstützung, die Infantino noch vor Kurzem als breit und stabil ansah, zu bröckeln begonnen hat.
Der Fußballverband von Wales erklärte in einer Mitteilung, die jüngsten Ereignisse hätten schwerwiegende Mängel bei guter Unternehmensführung, Verfahren, Führung, Werten, Beziehungen zu Interessengruppen, Kommunikation und Urteilsvermögen offengelegt. Die FAW kam zu dem Schluss, dass Infantino das Vertrauen des Verbandes für die weitere Führung des Weltfußballs verloren habe, und erklärte, sie könne keine Entscheidungen akzeptieren, bei denen die Interessen des Spiels nicht an erster Stelle stünden. Die Erklärung war für einen nationalen Verband, der den amtierenden FIFA-Präsidenten noch wenige Wochen zuvor unterstützt hatte, ungewöhnlich direkt. Die englische FA hatte sich bereits am 30. Juli der gemeinsamen Haltung der UEFA angeschlossen und erklärt, sie lehne den Plan privater Investitionen in die kommerziellen Rechte an FIFA-Wettbewerben ab. Der nachträgliche Entzug der Unterstützung für Infantinos Kandidatur zeigt, dass sich der Widerstand gegen das Projekt nicht mehr auf eine einzelne Geschäftsentscheidung beschränkt, sondern zu einer offenen Vertrauensfrage gegenüber dem Präsidenten der Organisation wird.
Das Projekt, das die tiefste Krise von Infantinos Präsidentschaft auslöste
Im Mittelpunkt des Streits stand der Vorschlag zur Gründung einer Gesellschaft namens FIFA Forward Enterprise, abgekürzt FFE. Den von der FIFA am 28. und 31. Juli veröffentlichten Dokumenten und Erläuterungen zufolge sollte das neue Unternehmen im Eigentum und unter der Kontrolle der FIFA bleiben und die kommerziellen Aktivitäten sowie die operative Organisation großer Wettbewerbe bündeln. Dazu sollten der Verkauf von Medien- und Sponsoringrechten, Lizenzierung, Ticketverkauf und ein Teil der mit der Durchführung von Turnieren verbundenen Tätigkeiten gehören, darunter auch die Weltmeisterschaft. Die FIFA erklärte, dass sportliche Entscheidungen, Wettbewerbsregeln und die Führung der Organisation nicht in die Hände privater Investoren übergehen würden. Die Gegner warnten jedoch, dass selbst eine Minderheitsbeteiligung von Investoren langfristig Druck erzeugen würde, Entscheidungen über den Kalender, Formate und die kommerzielle Strategie nach der erwarteten finanziellen Rendite zu treffen.
Reuters und Associated Press zufolge sah der Plan vor, durch den Verkauf von rund 20 Prozent der Anteile an dem neuen Unternehmen, dessen Wert auf etwa 20 Milliarden US-Dollar geschätzt wurde, bis zu 4,2 Milliarden US-Dollar einzunehmen. Unter den potenziellen Investoren wurde ein mit Joshua Kushner verbundenes New Yorker Investmentunternehmen genannt. Gleichzeitig kündigte die FIFA eine erhebliche Erhöhung der Entwicklungsmittel für ihre 211 Mitgliedsverbände an. In ihrer offiziellen Erläuterung erklärte die Organisation, jeder nationale Verband solle im Zeitraum von 2027 bis 2030 Entwicklungsfinanzierungen in Höhe von 20 Millionen US-Dollar erhalten, während ein zusätzliches einmaliges Programm über weitere 20 Millionen US-Dollar pro Verband freiwillig und durch externe Investitionen finanziert werden sollte. Kritiker betrachteten eine solche Konstruktion als Versuch, die Verbände mit hohen Zahlungen für sich zu gewinnen, bevor diese alle rechtlichen und finanziellen Folgen unabhängig beurteilen konnten.
Das größte Problem für die Gegner des Projekts war nicht nur die Höhe der geplanten Investition, sondern auch die Art und Weise, wie der Vorschlag vorbereitet und präsentiert worden war. Die UEFA erklärte, das Projekt sei ohne sinnvolle Konsultationen mit den Konföderationen, nationalen Verbänden, Ligen, Vereinen, Spielern und Fanorganisationen entstanden. Auch die englische FA bestätigte, dass sie nicht an der Vorbereitung des Vorschlags beteiligt gewesen sei. Die FIFA entgegnete, unzutreffende Medienberichte hätten den geplanten Konsultationsprozess gestört, und eine endgültige Entscheidung hätte in jedem Fall die Unterstützung der Mitgliedsverbände und des FIFA-Rates erfordert. Dennoch verstärkte die Geschwindigkeit, mit der das Projekt präsentiert wurde, weltweiten Widerstand auslöste und anschließend zurückgezogen wurde, zusätzlich den Verdacht, dass das Verfahren nicht ausreichend vorbereitet gewesen war.
Die UEFA drohte mit einem Boykott und verlor anschließend das Vertrauen in die FIFA-Führung
Der Widerstand wurde zunächst am schärfsten von der UEFA gemeinsam mit ihren 55 nationalen Verbänden formuliert. In einer gemeinsamen Erklärung vom 30. Juli lehnte die europäische Konföderation den Vorschlag, Eigentumsinteressen an der Weltmeisterschaft und anderen FIFA-Wettbewerben auf private Investoren zu übertragen, einstimmig ab. Die UEFA erklärte, die Weltmeisterschaft dürfe nicht als Investitionsprodukt behandelt werden, und kündigte an, dass europäische Nationalmannschaften nicht an FIFA-Wettbewerben teilnehmen würden, solange der Vorschlag aktiv bleibe und keine festen Garantien vorlägen, dass ein ähnliches Modell nicht erneut aufgegriffen werde. Eine solche Drohung war außerordentlich ernst, da das Fehlen europäischer Nationalmannschaften die sportliche und kommerzielle Grundlage der FIFA-Turniere gefährden würde. Concacaf und die Asiatische Fußballkonföderation schlossen sich dem Druck an und forderten ebenfalls ein transparenteres Verfahren, Verantwortlichkeit und eine rechtzeitige Einbindung der Mitgliedsverbände.
Am 31. Juli gab Infantino bekannt, dass der Vorschlag nicht weiterverfolgt werde. In einer offiziellen Erklärung sagte er, der Zweck des Projekts habe darin bestanden, die nationalen Verbände zu stärken, insbesondere in Staaten, in denen Entwicklungshilfe am dringendsten benötigt werde, doch die entstandenen Spaltungen seien dem ursprünglichen Ziel zuwidergelaufen. Damit gab die FIFA FFE nur wenige Tage nach der Veröffentlichung des Vorschlags auf. Der Rückzug beseitigte die unmittelbare Gefahr eines Boykotts, konnte die politischen Folgen jedoch nicht aufhalten. Am 1. August begrüßte die UEFA die Aufgabe des Projekts und erklärte zugleich, dass die derzeitige FIFA-Führung nicht mehr ihr Vertrauen genieße und bei der Prüfung künftiger Schritte keine Möglichkeit ausgeschlossen werden dürfe.
Die europäische Konföderation kündigte eine gründliche Analyse darüber an, wie FFE entstanden war, wer das Projekt vorbereitet hatte und wie es beinahe die Entscheidungsphase erreicht hatte, ohne dass zuvor eine öffentliche Debatte stattgefunden hatte. Die UEFA möchte außerdem ein alternatives Modell zur Verteilung von Geldern über das bestehende Programm FIFA Forward prüfen, ohne private Eigentümer in die Struktur einzubeziehen, die die kommerziellen Geschäfte der größten Wettbewerbe verwaltet. In diesem Konflikt werden zwei unterschiedliche Vorstellungen von der Entwicklung des Weltfußballs sichtbar. Die FIFA argumentiert, sie benötige ein neues Geschäftsmodell, um die Einnahmen zu erhöhen und die Unterschiede zwischen den Verbänden zu verringern, während die UEFA und die ihr folgenden Verbände der Ansicht sind, die Entwicklung müsse aus bestehenden Einnahmen und Rücklagen finanziert werden, wobei die Mitglieder eine strengere Kontrolle ausüben sollten. Daher hat der Rückzug eines Projekts die grundlegende Frage nicht gelöst, wer die kommerzielle Ausrichtung des internationalen Fußballs bestimmt.
Mögliche rechtliche Schritte erhöhen den Druck zusätzlich
Die Krise erhielt auch eine rechtliche Dimension. Associated Press berichtete am 3. August, dass die Anwälte der UEFA der FIFA eine Aufforderung zur Aufbewahrung von Dokumenten, elektronischer Post und anderen mit dem FFE-Projekt verbundenen Daten übermittelt hätten. Eine solche Mitteilung bedeutet nicht, dass bereits eine Klage eingereicht wurde, wird jedoch üblicherweise versandt, wenn gerichtliche, schiedsgerichtliche oder regulatorische Verfahren ernsthaft erwogen werden. Der AP zufolge erklärte die UEFA, sie prüfe rechtliche Schritte wegen Fragen im Zusammenhang mit der Vorbereitung des Projekts, den Führungsverfahren und einer möglichen Unvereinbarkeit des vorgeschlagenen Modells mit der Rolle der FIFA als gemeinnützige Organisation, die für die Verwaltung des Weltfußballs zuständig ist. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieser Informationen hatte die FIFA noch nicht ausführlich auf alle rechtlichen Vorwürfe geantwortet.
Einen weiteren Rückschlag für die Führung stellten öffentliche Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Organisation selbst dar. Einem Bericht von Associated Press zufolge bezeichnete der operative Direktor der FIFA, Kevin Lamour, das Projekt als eine Initiative, die ohne angemessene Beteiligung wichtiger Personen in der Verwaltung entstanden sei. Medien berichteten auch über den Abgang des Beraters Carlos Cordeiro, eines ehemaligen Präsidenten des US-amerikanischen Fußballverbandes, der Bedenken hinsichtlich der finanziellen Notwendigkeit des Projekts und der mangelnden Transparenz geäußert hatte. Diese Ereignisse verstärkten den Eindruck, dass der Streit nicht nur zwischen FIFA und UEFA, sondern auch innerhalb des Führungssystems der Weltorganisation selbst ausgetragen wird. Für Infantino ist besonders problematisch, dass sich die Debatte nicht mehr allein auf den Inhalt des Projekts konzentriert, sondern auch auf die Art der Entscheidungsfindung und das Verhältnis des Präsidenten zu den kollektiven Organen der FIFA.
Dennoch lässt sich noch nicht feststellen, dass Infantinos Kandidatur politisch gescheitert ist. Die FIFA hat 211 Mitgliedsverbände, und jeder verfügt auf dem Kongress über eine Stimme, unabhängig von der Größe des Landes, der Bevölkerungszahl oder der wirtschaftlichen Stärke des heimischen Fußballs. Die europäischen Verbände bilden einen wichtigen Block, können den Präsidenten jedoch ohne Unterstützung aus Afrika, Asien, Südamerika, Nord- und Mittelamerika, der Karibik sowie Ozeanien weder allein wählen noch absetzen. Infantino hat während seiner Amtszeit starke Beziehungen zu zahlreichen kleinen und mittelgroßen Verbänden aufgebaut, vor allem durch erhöhte Entwicklungszahlungen. Gerade deshalb wird entscheidend sein, ob der walisische und englische Schritt auf den europäischen Kreis beschränkt bleibt oder eine größere Zahl von Verbänden aus anderen Konföderationen dazu bewegt, ihre zuvor erklärte Unterstützung zurückzuziehen.
Die Wahl 2027 wird zu einem echten Wettbewerb und nicht zu einer Formalität
Auf dem FIFA-Kongress in Vancouver am 30. April 2026 gab Infantino offiziell bekannt, dass er für eine weitere Amtszeit kandidieren werde. Der Schweizer italienischer Herkunft führt die Organisation seit Februar 2016, als er nach der großen Korruptionskrise ein vom Abgang Sepp Blatters geprägtes Zeitalter ablöste. Er wurde 2019 und 2023 ohne Gegenkandidaten wiedergewählt, und bis zum Ausbruch des Streits um FFE war erwartet worden, dass auch die Wahl 2027 ohne ernsthafte Konkurrenz verlaufen könnte. Associated Press zufolge endet die Frist für die Einreichung von Kandidaturen am 18. November 2026, während die Wahl des Präsidenten vier Monate später auf dem FIFA-Kongress in Marokko stattfinden soll. Der Entzug der Unterstützung durch Wales und England erfolgt daher früh genug, um Raum für das Auftreten eines alternativen Kandidaten zu schaffen.
Für einen möglichen Gegenkandidaten reicht die Unzufriedenheit der europäischen Verbände allein nicht aus. Eine Kandidatur erfordert formelle Nominierungen, eine organisierte Kampagne und die Fähigkeit, unterschiedliche Interessen innerhalb der sechs kontinentalen Konföderationen miteinander zu verbinden. Viele Verbände betrachten die Entwicklungsprogramme der FIFA als entscheidend für den Bau von Spielfeldern, die Trainerausbildung, den Frauenfußball, Nachwuchsauswahlen und die administrative Infrastruktur. Jeder Versuch eines Führungswechsels muss daher eine glaubwürdige Antwort auf die Frage bieten, wie die finanzielle Hilfe ohne Privatisierung eines Teils des kommerziellen Geschäfts beibehalten oder erhöht werden kann. Die UEFA hat bereits angekündigt, eine neue Methode zur Verteilung der bestehenden FIFA-Mittel vorschlagen zu wollen, was zeigt, dass der politische Kampf nicht nur um Personen, sondern auch um das Finanzierungsmodell geführt werden wird.
England und Wales verfügen jeweils über eine Stimme, doch die Symbolik ihrer Entscheidungen geht über die Arithmetik des Kongresses hinaus. Wales war der erste Verband, der ein zuvor gegebenes Versprechen öffentlich zurücknahm, und zeigte damit, dass Unterstützungsschreiben nicht unumkehrbar sind. Die englische FA verwaltet eines der kommerziell einflussreichsten Fußballsysteme der Welt, und ihr Schritt sendet ein starkes Signal an andere Verbände, die die Folgen des Streits noch bewerten. Sollten sich mehr UEFA-Mitglieder dem Entzug der Unterstützung anschließen, könnte Infantino erstmals seit seinem Amtsantritt mit einer organisierten Wahlopposition konfrontiert werden. Sollte sich der Widerstand auch außerhalb Europas ausbreiten, könnte die Wahl im März 2027 zum ungewissesten Kampf um die Führung der FIFA seit mehr als einem Jahrzehnt werden.
Bislang ist bestätigt, dass FFE in der vorgeschlagenen Form nicht fortgesetzt wird, dass die UEFA eine umfassendere Untersuchung der Ereignisse vorbereitet und dass Wales und England dem amtierenden Präsidenten ihre politische Unterstützung entzogen haben. Offiziell bestätigt ist weder, wie viele weitere nationale Verbände ihrem Beispiel folgen werden, noch ob bis November ein Gegenkandidat mit ausreichend breiter internationaler Unterstützung auftreten wird. Ebenso sind die von der UEFA erwogenen rechtlichen Verfahren noch nicht eingeleitet worden, und ihr möglicher Umfang bleibt unklar. Die kommenden Monate werden daher zeigen, ob das gescheiterte Projekt eine kurzzeitige Krise oder der Beginn einer Veränderung der Machtverhältnisse im Weltfußball war. Bereits jetzt ist jedoch erkennbar, dass Infantinos Weg zu einer Amtszeit bis 2031 nicht mehr wie eine im Voraus entschiedene Formalität aussieht.
Quellen:
- Reuters / Al Jazeera – Bericht über den Entzug der Unterstützung durch Wales, die Entscheidung des englischen Fußballverbandes und die grundlegenden finanziellen Elemente des FFE-Projekts (Link)
- FIFA – offizielle Erklärung von Gianni Infantino zum Rückzug des Vorschlags FIFA Forward Enterprise (Link)
- FIFA – offizielle Erläuterungen zur Struktur von FFE, zur Kontrolle über das Unternehmen und zur geplanten Entwicklungsfinanzierung für die Mitgliedsverbände (Link)
- UEFA – gemeinsame Erklärung der UEFA und der 55 nationalen Verbände zur Ablehnung privater Investitionen und zu einem möglichen Boykott von FIFA-Wettbewerben (Link)
- UEFA – Reaktion auf den Rückzug des Projekts und Einschätzung, dass die derzeitige FIFA-Führung das Vertrauen der europäischen Konföderation verloren hat (Link)
- The Football Association – offizielle Erklärung der englischen FA gegen den Vorschlag FIFA Forward Enterprise (Link)
- Associated Press – Angaben zu möglichen rechtlichen Schritten der UEFA, zur Pflicht zur Aufbewahrung von Dokumenten und zum Zeitplan der Präsidentschaftswahl 2027 (Link)
- FIFA – Bekanntgabe der Kandidatur von Gianni Infantino für eine neue Amtszeit auf dem FIFA-Kongress 2027 (Link)