Lateinamerika an einem Wendepunkt: Ohne bessere Infrastruktur gibt es weder einen touristischen noch einen wirtschaftlichen Aufschwung
Auf dem Gipfel FII PRIORITY Miami 2026, der vom 25. bis 27. März im Faena Hotel in Miami Beach stattfand, warnte der Vorsitzende des World Travel & Tourism Council (WTTC), Manfredi Lefebvre, dass die Zukunft Lateinamerikas nicht nur von der Menge des verfügbaren Kapitals entschieden werde, sondern von der Fähigkeit der Staaten und Partner, Projekte tatsächlich umzusetzen. Im Mittelpunkt der Diskussion stand nicht die Frage, ob die Region Potenzial hat, sondern ob sie dieses in reales Wachstum verwandeln kann. Die Botschaft, die von Miami an Regierungen, Investoren und Entwicklungsbanken hallte, war klar: Ohne Verkehrs-, Luftfahrt-, digitale und urbane Infrastruktur gibt es weder ernsthaftere Investitionen noch einen stärkeren Tourismus noch eine langfristigere Wettbewerbsfähigkeit.
Auf dem Panel, das den Bedingungen für langfristige Investitionen in Lateinamerika gewidmet war, beschrieb Lefebvre laut dem Bericht vom Gipfel Infrastrukturinvestitionen als
„Wachstumsmultiplikator”. Diese Formulierung ist in diesem Fall nicht nur eine passende politisch-wirtschaftliche Floskel. In einer Region, die gleichzeitig über enorme natürliche Ressourcen, große Städte, einen wachsenden Dienstleistungssektor und touristisches Potenzial verfügt, bestimmt die Qualität von Straßen, Flughäfen, Häfen, Eisenbahnen, Versorgungssystemen und digitalen Netzen, wie schnell sich Waren, Menschen, Kapital und Ideen überhaupt bewegen können. Und genau die Bewegung des Kapitals war das zentrale Thema des diesjährigen Gipfels in Miami.
Miami als Bühne für eine neue Debatte über die „neue Ordnung” Lateinamerikas
Das FII Institute organisierte das diesjährige Treffen in Miami unter dem Thema
„Capital in Motion”, und das offizielle Programm zeigt, dass Lateinamerika einen besonders wichtigen Platz im Zeitplan einnahm. Bereits der erste Tag des Gipfels war der sogenannten „neuen lateinamerikanischen Ordnung” gewidmet, also der Frage, wie die Region einen neuen Investitionszyklus erfassen kann, in einem Moment, in dem globale Wertschöpfungsketten neu geordnet werden, Staaten nach sichereren Energie- und Rohstoffquellen suchen und immer stärker von der Regionalisierung der Produktion die Rede ist.
In den offiziellen Materialien des Gipfels werden Lateinamerika und die Karibik als Raum eines strategischen Übergangs beschrieben, als Ort, an dem gerade die Infrastruktur darüber entscheiden wird, ob die Region die Integration in regionale und globale Wertschöpfungsketten, das urbane Wachstum und den demografischen Wandel nutzen kann. Das ist eine wichtige Nuance. Es geht nicht nur darum, dass Infrastruktur wünschenswert ist, sondern darum, dass sie zu einer entscheidenden Voraussetzung wird, um mit den neuen wirtschaftlichen Umständen Schritt zu halten. Mit anderen Worten: Die Region wird nicht mehr nur als Quelle von Rohstoffen und touristischen Postkarten betrachtet, sondern als Raum, in dem neue Energie-, Logistik- und Industriekorridore entstehen könnten. Ohne umsetzbare Projekte bleibt ein solches Szenario jedoch auf der Ebene von Investitionspräsentationen.
Das Problem ist nicht nur Geld, sondern die Umsetzung
Der markanteste Teil von Lefebvres Botschaft bezieht sich genau auf die Kluft zwischen Kapital und Umsetzung. Lateinamerika ist seit Jahren auf der Landkarte globaler Investoren nicht „unsichtbar”. Die Region zieht Interesse an wegen Lithium, Kupfer, Landwirtschaft, erneuerbaren Energiequellen, der Nähe zum US-Markt, immer stärker entwickelten Finanz- und Technologiezentren und natürlich des Tourismus. Doch viele Projekte bleiben zwischen politischen Zyklen, langsamen Genehmigungen, regulatorischer Unvorhersehbarkeit, unzureichender Koordinierung zwischen Regierungsebenen und Schwächen der öffentlichen Verwaltung stecken.
Gerade deshalb war die Debatte in Miami auch über den Tourismussektor hinaus wichtig. Wenn der Vorsitzende des WTTC vor mangelhafter Infrastruktur warnt, spricht er nicht nur über den Komfort von Reisenden oder die Länge der Warteschlange an der Passkontrolle. Er spricht im weitesten Sinne über die Wirtschaft: darüber, ob ein Container rechtzeitig ankommen kann, ob ein Flugzeug eine neue Verbindung eröffnen kann, ob ein Reiseziel sicher eine größere Zahl von Gästen bedienen kann, ob digitale Plattformen und Logistiksysteme mit der Nachfrage Schritt halten können und ob Städte einen größeren Zustrom von Menschen verkraften können, ohne dass die Lebensqualität zusammenbricht.
Die Zahlen zeigen, wie groß die Kluft ist
Zu den wichtigsten Daten, die offizielle Dokumente und Entwicklungsinstitutionen bereits zuvor auf den Tisch gelegt hatten, gehört die Schätzung der Interamerikanischen Entwicklungsbank, dass Lateinamerika und die Karibik bis 2030 jährlich mindestens
3,12 Prozent des regionalen BIP investieren müssen, um die Infrastruktur auszubauen und zu erhalten, die für eine Annäherung an die Ziele für nachhaltige Entwicklung erforderlich ist. Allein im Verkehrssektor erfordert das Schließen von Lücken in der Straßen-, Luftfahrt- und öffentlichen Verkehrsinfrastruktur laut dieser Analyse Investitionen von
1,37 Prozent des BIP pro Jahr. Das offizielle Programm des Gipfels in Miami fasste diesen Bedarf in einer noch politisch direkteren Formel zusammen: Die Region muss ungefähr
3 bis 5 Prozent des BIP pro Jahr investieren, wenn sie die Infrastrukturlücke schließen und die langfristige Wettbewerbsfähigkeit bewahren will.
Solche Zahlen erklären, warum Infrastruktur heute nicht mehr als nachgeordneter technischer Sektor betrachtet wird, sondern als Fundament der Entwicklungspolitik. Wenn Investitionen nicht beschleunigt werden, wird der Preis nicht nur in Kilometern nicht gebauter Straßen oder in Verzögerungen bei der Modernisierung von Flughäfen gemessen. Er wird auch in schwächerem Wachstum, geringerer Produktivität, teureren Geschäftsabläufen, langsamerer regionaler Integration und geringerer Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimaschocks gemessen. Das ist der Grund, warum auf ähnlichen Treffen immer häufiger von Infrastruktur als einer „Plattform” für Wachstum und nicht nur als einer „Baustelle” gesprochen wird.
Warum der Tourismus im Mittelpunkt der Debatte steht
Lefebvres Schwerpunkt auf den Tourismus ist kein Zufall. WTTC und IDB haben in diesen Tagen zusätzlich hervorgehoben, wie wichtig der Sektor für die lateinamerikanische Wirtschaft ist. Laut der neuesten Studie des WTTC zu den wirtschaftlichen Auswirkungen trugen Reisen und Tourismus in Lateinamerika und der Karibik im Jahr 2024
714 Milliarden US-Dollar zur Wirtschaft der Region bei, was rund
10 Prozent des gesamten BIP entspricht, bei mehr als
28 Millionen Arbeitsplätzen. Die internationalen Ausgaben der Besucher erreichten
144,4 Milliarden US-Dollar. Die Prognosen bis 2035 erhöhen die Erwartungen zusätzlich: Der WTTC schätzt, dass der Sektor
944,8 Milliarden US-Dollar erwirtschaften und mehr als
35,4 Millionen Arbeitsplätze stützen könnte, was rund
206 Milliarden US-Dollar zusätzlichen Werts und ungefähr
sechs Millionen neuer Arbeitsplätze im Vergleich zu 2025 entspricht.
Doch diese Zahlen haben auch eine andere Seite. Wenn die touristische Nachfrage und das Investitionsinteresse tatsächlich zunehmen, werden die Schwächen der Infrastruktur noch deutlicher sichtbar. Flughafenkapazitäten, Straßenanbindungen an Tourismuszonen, städtischer Verkehr, Wasserversorgung, Entwässerung, Sicherheit der Lieferketten, Breitbandinternet und Widerstandsfähigkeit gegenüber extremen Wetterbedingungen werden zum Flaschenhals des gesamten Wachstumsmodells. Deshalb ist der Tourismus in der Debatte oft eine Art Lackmustest: Dort, wo die Infrastruktur funktioniert, fließt das Wachstum schneller auf Gastgewerbe, Handel, Verkehr, Kreativwirtschaft und lokale Dienstleistungen über; dort, wo sie nicht funktioniert, bleibt großes Potenzial teilweise ungenutzt.
Lateinamerika zwischen Chance und Engpass
Die Weltbank schätzt, dass die Volkswirtschaften Lateinamerikas und der Karibik im Jahr
2026 um 2,5 Prozent wachsen werden, nach
2,3 Prozent im Jahr 2025, was zeigt, dass die Region wächst, aber auch, dass dieses Wachstum für einen Raum, der eine größere Investitionswelle erfassen will, relativ bescheiden bleibt. Gerade deshalb werden Infrastrukturfragen politisch dringlicher. Wenn das Wachstum niedrig oder moderat ist, wird der Druck auf die Staaten größer, die Produktivität zu steigern, neue Märkte zu öffnen und langfristiges Kapital anzuziehen. Infrastruktur ist dann nicht mehr eine Frage des Prestiges, sondern der Notwendigkeit.
In Miami wurde deshalb von „ermöglichenden Bedingungen” für langfristige Investitionen gesprochen. Dieser Ausdruck umfasst weit mehr als nur Geld: Rechtssicherheit, Stabilität von Verträgen, einen vorhersehbaren steuerlichen Rahmen, die Fähigkeit des Staates, Projekte vorzubereiten, lokales Fachwissen, qualitativ hochwertige Regulierung und Modelle öffentlich-privater Partnerschaften, die nicht in politischen Konflikten oder Gerichtsverfahren enden. Für Investoren ist, vereinfacht gesagt, die Rhetorik über Potenzial weniger wichtig als die Frage, ob ein Projekt rechtzeitig, im Budget und nach Regeln abgeschlossen werden kann, die sich nicht mitten im Bau ändern.
Öffentlich-private Partnerschaften ohne Illusionen
Eine der Schlüsselbotschaften ähnlicher Treffen in den letzten Jahren lautet, dass öffentliche Haushalte allein die Infrastrukturlücke nicht schließen können. Deshalb werden öffentlich-private Partnerschaften regelmäßig als Lösung hervorgehoben. Doch die Erfahrungen Lateinamerikas zeigen, dass auch PPP-Modelle kein Zauberstab sind. Wenn Institutionen schwach sind, die Projektdokumentation schlecht ist, der regulatorische Rahmen instabil ist oder politische Veränderungen zu häufig sind, wird privates Kapital entweder einen höheren Risikopreis verlangen oder anderswohin gehen.
Lefebvres Warnung kann daher auch als Botschaft gelesen werden, dass die Region mehr als große Versprechen anbieten muss. Benötigt werden Projekte mit klarer wirtschaftlicher Logik, realistischen Fristen, guter Vorbereitung und glaubwürdiger Aufsicht. Das gilt insbesondere für die touristische Infrastruktur, bei der zu oft über Luxusresorts und Rekordsaisons gesprochen wurde und zu wenig über Kanalisationsnetze, Verkehrsfluss, lokale Flughäfen, Wasserversorgung und Energiekapazitäten, die notwendig sind, damit ein Reiseziel die Entwicklung überhaupt verkraften kann.
Tourismus als Entwicklungssektor und nicht nur als Export von Erlebnissen
Ein wichtiger Wandel im Ton der Debatte zeigt sich auch in der Art und Weise, wie WTTC und IDB den Tourismus in den letzten Monaten dargestellt haben. Der Sektor wird nicht nur über die Zahl der Ankünfte und Übernachtungen beschrieben, sondern als Generator einer breiteren Wertschöpfungskette: Gastronomie, Logistik, Kreativwirtschaft, Technologie, Finanzdienstleistungen und Beschäftigung. Das ist wichtig für eine Region, in der der Tourismus oft Investitionen auch in Teilen der Wirtschaft die Tür öffnet, die auf den ersten Blick nicht touristisch sind. Eine neue Flugverbindung nützt nicht nur Hotels, sondern auch Exporteuren, Unternehmern, Studierenden, Gesundheitsdiensten und dem Handel. Schnelleres Internet dient nicht nur digitalen Nomaden, sondern auch lokalen Unternehmen. Ein besserer Hafen hilft nicht nur Kreuzfahrtschiffen, sondern auch dem Güterverkehr.
Gerade deshalb fügt sich das touristische Argument in Miami in ein breiteres Entwicklungsbild ein. Wenn der Tourismus einer der schnellsten Wege ist, die lokale Wirtschaft zu aktivieren und Arbeitsplätze zu schaffen, dann sind infrastrukturelle Engpässe zugleich auch ein Hindernis für die gesellschaftliche Entwicklung. Diese Logik gilt besonders für kleine und mittlere Städte sowie für Küsten- und Inseldestinationen, wo die saisonale Nachfrage oft mit begrenzten Kapazitäten der Versorgungs- und Verkehrssysteme kollidiert.
Die Umsetzung als politischer Test
Letztlich kann Lefebvres Intervention in Miami als Warnung sowohl an Wirtschaftskreise als auch an Regierungen gelesen werden. Lateinamerika ist nicht ohne Kapital, ohne Interesse und ohne Entwicklungsnarrative. Doch die Region ist schon zu lange damit konfrontiert, dass ehrgeizige Pläne vor Ort kein ausreichend schnelles und gleichmäßiges Ergebnis hervorbringen. Deshalb ist die Frage der Umsetzung fast wichtiger geworden als der Plan selbst. Wer Projekte vorbereiten, Genehmigungen beschleunigen, die Spielregeln sichern und Kontinuität durch politische Zyklen aufrechterhalten kann, wird mehr Investitionen anziehen und größeren Nutzen aus der globalen Neuordnung des Kapitals ziehen.
Für den Tourismus ist diese Botschaft noch schärfer. Nachfrage gibt es, Wachstumsprognosen gibt es, Investoreninteresse gibt es. Aber ohne Flughäfen, die mehr Verkehr aufnehmen können, Straßen, die Destinationen nicht ersticken, Versorgungssysteme, die den saisonalen Druck tragen, und digitale Netze, die modernes Reisen begleiten, wird ein Teil des zukünftigen Wachstums verloren gehen. Deshalb kann die Debatte aus Miami nicht auf eine weitere Konferenzbotschaft über Potenzial reduziert werden. Sie ist, zumindest nach dem, was die offiziellen Dokumente des Gipfels und die Einschätzungen führender Institutionen gezeigt haben, eine Warnung, dass das nächste Jahrzehnt in Lateinamerika weniger davon abhängen wird, wer mehr Kapital hat, und mehr davon, wer Kapital in Straßen, Start- und Landebahnen, Häfen, Netze und funktionierende Städte verwandeln kann.
Quellen:- FII Institute – offizielle Seite des Gipfels FII PRIORITY Miami 2026 mit Daten, Ort und Thema der Veranstaltung (Link)
- FII Institute – offizielles Programm des Gipfels mit einem Panel zu langfristigen Investitionen in Lateinamerika und infrastrukturellen Bedingungen (Link)
- WTTC – Mitteilung über die Ernennung von Manfredi Lefebvre an die Spitze der Organisation und seine Rolle im globalen Tourismussektor (Link)
- WTTC – regionale Schätzungen zu den Auswirkungen des Tourismus und Wachstumsprognosen für Lateinamerika und die Karibik bis 2035 (Link)
- IDB – Mitteilung über die Zusammenarbeit mit dem WTTC und Daten zum Beitrag des Tourismus zum regionalen BIP und zur Beschäftigung (Link)
- IDB – Studie über die Infrastrukturlücke in Lateinamerika und der Karibik sowie die bis 2030 erforderlichen Investitionen (Link)
- Weltbank – aktueller makroökonomischer Überblick über Lateinamerika und die Karibik mit Wachstumsprognosen für 2025 und 2026 (Link)
- eTurboNews – Bericht vom Gipfel in Miami, in dem Lefebvres Warnung vor Infrastruktur als „Wachstumsmultiplikator” wiedergegeben wird (Link)
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Erstellungszeitpunkt: 2 Stunden zuvor