ESA's „Labor auf Rädern“ testet 5G über Satelliten und ebnet den Weg für zuverlässigere Konnektivität außerhalb der Reichweite klassischer Netze
Ein dunkelblauer Kleintransporter, der vor einer massiven, 25 Meter breiten Antenne geparkt ist, wirkt auf den ersten Blick wie ein weiteres Dienstfahrzeug auf einem großen Forschungsgelände. Doch hinter verschlossenen Türen verbirgt sich eines der beweglichsten und ambitioniertesten europäischen Telekommunikationsprojekte: das mobile Labor der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) zur Erprobung fortschrittlicher „nicht-terrestrischer Netze“ (Non-Terrestrial Networks, NTN) – Systeme, bei denen drahtlose Konnektivität sich nicht nur auf Boden-Basisstationen stützt, sondern auch auf Satelliten und Plattformen in der Luft.
Es handelt sich um eine von zwei mobilen Laboreinheiten der ESA, die zum Advanced NTN Telecommunication Laboratory gehören. Ihre Aufgabe ist praktisch: außerhalb der klassischen Laborumgebung zu bestätigen, wie sich 5G und künftige 6G-Technologien verhalten, wenn das Signal von der terrestrischen Infrastruktur auf einen Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn und zurück „überspringen“ muss – unter Bedingungen, die realen Nutzerszenarien näherkommen.
Was NTN-Netze sind und warum sie wichtig sind
NTN (Non-Terrestrial Networks) bezeichnet eine breite Gruppe von Kommunikationssystemen, bei denen ein Teil des Netzes nicht am Boden ist. Meist sind es Satelliten in verschiedenen Umlaufbahnen – von geostationär bis hin zu Satellitenkonstellationen in niedriger Umlaufbahn (LEO) – aber auch Flugzeuge, Ballons oder andere Plattformen, die in geringeren Höhen fliegen. Die Kernidee ist die Erweiterung von Abdeckung und Robustheit: Konnektivität dort, wo der Aufbau terrestrischer Infrastruktur schwierig oder zu teuer ist, sowie eine schnellere Wiederherstellung der Kommunikation in Krisensituationen.
In der Praxis ist die Integration von 5G und Satelliten heute eines der am schnellsten wachsenden Themen in der Telekommunikationsbranche. Betreibern und Staaten verspricht das eine bessere Abdeckung ländlicher Gebiete, sicherere Verbindungen für öffentliche Dienste, Unterstützung für Verkehr und Logistik sowie Kommunikation, die weiter funktioniert, auch wenn ein Teil des terrestrischen Netzes ausfällt. Für die wissenschaftliche und technologische Gemeinschaft ist es ein Testfeld, auf dem neue Funkbänder, fortschrittliche Antennen und Verfahren wie der „Handover“ – die Übergabe einer aktiven Verbindung von einem Netzelement zum anderen – geprüft werden.
Labor im Transporter: Antenne auf dem Dach und Ausrüstung wie in großen Testzentren
Um Verbindungen zu Satelliten herzustellen und zu messen, trägt das mobile ESA-Labor auf dem Dach eine spezialisierte Antenne, die für die Bedürfnisse der Agentur in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Unternehmen Kebni und der italienischen A.D.S. International entwickelt wurde. Im Inneren befindet sich Hochfrequenztechnik, wie man sie in einem professionellen Labor erwartet: Spektrumanalysatoren, softwaredefinierte Funkgeräte (SDR) sowie angepasste Software zur Steuerung und Auswertung der Messungen.
Was ein solches System im Feld einsatzfähig macht, ist seine Autonomie. Die Ausrüstung wird aus Batterien und Wechselrichtern gespeist, während im Kofferraum untergebrachte Generatoren einen mehrtägigen Betrieb ohne dauerhaften Netzanschluss ermöglichen. Laut ESA-Ingenieuren kann die Konfiguration auch für Partner angepasst werden: Im Transporter kann auch fremde Ausrüstung untergebracht werden, es kann elektrische Energie bereitgestellt sowie Zugang zum Internet oder zu erforderlichen Funkfrequenzen ermöglicht werden – je nach konkreter Kampagne.
Meilenstein: der erste 5G-„Handover“ zu einer LEO-Satellitenkonstellation
Das mobile Labor ist nicht als Ausstellungsstück gedacht. Obwohl es seinen Platz im Umfeld von ESTEC hat, dem technischen Zentrum der ESA im niederländischen Noordwijk, ist sein Zweck die Feldarbeit und das Testen unter realen Bedingungen. In diesem Kontext haben ESA und ein Partnerkonsortium kürzlich ein Ergebnis bekannt gegeben, das in der Branche als entscheidender Schritt hin zu wirklich integrierten 5G-Satellitennetzen gilt: Es wurde ein 5G New Radio-Übergang („Handover“) des Signals auf eine Satellitenkonstellation in niedriger Erdumlaufbahn durchgeführt.
Nach verfügbaren offiziellen Informationen wurde der Test im ESA 5G/6G Telecom Lab am ESTEC durchgeführt und umfasste die Zusammenarbeit von Industrie- und Forschungspartnern aus dem Satelliten- und Chipsektor. Technisch gesehen ist ein solcher „Handover“ entscheidend, weil er zeigt, dass die Nutzerverbindung aufrechterhalten werden kann, auch wenn das Netz auf einen anderen Satelliten innerhalb der Konstellation umschalten muss – eine typische Herausforderung im LEO-Umfeld aufgrund der hohen Satellitengeschwindigkeiten relativ zum Nutzer am Boden.
Warum das Q-Band wichtig ist und wie der Feldtest im Vereinigten Königreich als Testfeld diente
Das Foto des mobilen Labors entstand während einer Q-Band-Feldkampagne am Forschungsstandort Chilbolton Observatory im Vereinigten Königreich, wo RAL Space eine Infrastruktur betreibt, zu der eine große 25-Meter-Antenne gehört. In dieser Kampagne wurde nach veröffentlichten Daten von RAL Space und den Kommunikationsdiensten der ESA eine Q-Band-Verbindung zu einem Satelliten in niedriger Umlaufbahn demonstriert.
Das Q-Band (im Kontext von Satellitenverbindungen oft um 38–39 GHz) ist interessant, weil höhere Frequenzbereiche höhere Datenraten und breitere Kanäle ermöglichen, aber auch mit größeren ingenieurtechnischen Herausforderungen einhergehen, insbesondere wegen der Dämpfung des Signals in der Atmosphäre und der Empfindlichkeit gegenüber Wetterbedingungen. Genau deshalb sind Feldmessungen und Kampagnen entscheidend: Labormodelle können das Verhalten des Systems vorhersagen, aber erst Feldtests unter unterschiedlichen Bedingungen zeigen die tatsächliche Kapazität, wie stabil die Verbindung ist und wie sich das System in „Rand“-Szenarien verhält.
Das Programm hinter allem: Space for 5G/6G & Sustainable Connectivity
Solche Tests sind kein isoliertes Projekt, sondern Teil einer breiteren ESA-Strategie. Innovationen in der Satellitenkommunikation unterstützt die Agentur durch das Programm Space for 5G/6G & Sustainable Connectivity, das im Rahmen von ARTES (Advanced Research in Telecommunications Systems) angesiedelt ist. Das Ziel ist zweifach: die europäische Industrie und Forschungsorganisationen dazu anzuregen, Konnektivitätstechnologien für das nächste Jahrzehnt zu entwickeln, und die Standardisierung sowie Interoperabilität zwischen terrestrischen und Weltraumnetzen zu beschleunigen.
Parallel dazu versucht ESA über Initiativen wie das NTN Forum, Ausrüstungshersteller, Betreiber, Forscher und Regulierungsbehörden um gemeinsame Probleme zu versammeln – von technischen Schnittstellen und Zertifizierung bis hin zu Fragen von Spektrum und Sicherheit. In der Praxis bedeutet das, dass Ergebnisse aus Testkampagnen möglichst schnell in industrielle Leitlinien und Standards überführt werden sollen, um Risiken zu reduzieren und den Weg von der Demonstration zu kommerziellen Diensten zu beschleunigen.
Was mobile Labore für Industrie und öffentliche Politik bedeuten
Im Gegensatz zu traditionellen Testzentren, die an einen Standort gebunden sind, ermöglicht ein mobiles Labor schnelleres Reagieren und eine bessere Planung von Kampagnen: Die Ausrüstung kommt an den Ort, der für ein bestimmtes Frequenzband, eine bestimmte Umlaufbahn oder einen konkreten Satelliten wichtig ist. Das ist besonders im europäischen Kontext wichtig, wo sich Forschungsinfrastrukturen in mehreren Staaten befinden und Testkampagnen häufig von der Verfügbarkeit von Antennen, Genehmigungen und Zeitfenstern für Satellitenüberflüge abhängen.
Im weiteren Sinne wird die Entwicklung von NTN-Technologien auch zu einer Frage der öffentlichen Politik. Europäische Institutionen und die Industrie versuchen, technologische Abhängigkeit zu verringern, eigene Kompetenzen bei Satellitenkonstellationen, Chips und Funktechnik zu entwickeln und sicherzustellen, dass europäische Standards und Sicherheitsanforderungen in künftige Netze integriert werden. Gleichzeitig wächst das Interesse an Szenarien wie:
- Kommunikation für Rettungsdienste und Krisenmanagement, wenn terrestrische Infrastruktur beschädigt oder nicht verfügbar ist
- Vernetzung von Schiffen, Flugzeugen und abgelegenen Industrieanlagen, wo die Nachfrage nach Datenverkehr stetig steigt
- Umweltüberwachung und wissenschaftliche Missionen, die zuverlässige Telemetrie und die Übertragung großer Datenmengen erfordern
- Unterstützung der Digitalisierung ländlicher und dünn besiedelter Gebiete, in denen klassische Investitionsmodelle in Netze oft wirtschaftlich schwierig sind
Nächste Station: EuCNC & 6G Summit in Málaga Anfang Juni 2026
Nach Ankündigungen der Organisatoren wird das mobile Labor eine neue Feldreise nach Spanien antreten, zur Konferenz European Conference on Networks and Communications (EuCNC) & 6G Summit, die in Málaga vom 2. bis 5. Juni 2026 stattfindet. Das Treffen bringt Forscher, Industrie und Entscheidungsträger zu Themen wie der Weiterentwicklung von 5G, dem Internet der Dinge, Spektralpolitik und frühen Definitionen von 6G-Systemen zusammen.
Für ESA und ihre Partner sind solche Veranstaltungen nicht nur ein Ort der Präsentation, sondern auch eine Gelegenheit zur Abstimmung von Richtungen: von der Frage, welche Verfahren in den nächsten Kampagnen getestet werden, bis hin dazu, wie Ergebnisse in Standards und Zertifizierungsprozesse integriert werden können. Im NTN-Bereich, in dem Telekommunikation, Raumfahrtindustrie und regulatorischer Rahmen überlappen, ist die Geschwindigkeit des Wissenstransfers vom Labor in das Ökosystem oft genauso wichtig wie der technologische Durchbruch selbst.
Letztlich symbolisiert das Labor auf Rädern einen Trend, der immer schwerer zu ignorieren ist: Netze der Zukunft werden nicht nur „auf der Erde“ sein. Sie werden sich über mehrere Schichten erstrecken – von städtischen Basisstationen bis zu Satelliten – und Zuverlässigkeit, Dienstkontinuität und Sicherheit werden zu den wichtigsten Erfolgskriterien. Der ESA-Transporter mit Antenne auf dem Dach und Labor im Inneren dient heute als Werkzeug, das diese Ziele von Papier und Standards in messbare Ergebnisse im Feld übersetzt.
Quellen:- ESA ARTES – offizielle Mitteilung über den ersten 5G New Radio-„Handover“ zu einer LEO-Konstellation ( link )- ESA Connectivity & Secure Communications – Überblick über das Programm Space for 5G/6G & Sustainable Connectivity und den Q-Band-Kontext ( link )- RAL Space (UKRI/STFC) – Bericht über die Q-Band-Verbindung zu einem Satelliten in LEO und die Rolle des Chilbolton Observatory ( link )- UKRI/STFC – offizielle Beschreibung des Chilbolton Observatory und der Nutzung der 25-Meter-Antenne für Weltraumüberwachung und Tests ( link )- EuCNC & 6G Summit – offizielle Konferenzseite mit Terminen (2.–5. Juni 2026, Málaga) ( link )- Smart Networks and Services Joint Undertaking (Europäische Kommission) – Ankündigung der Veranstaltung EuCNC & 6G Summit 2026 ( link )- Kebni – Mitteilung über ein Projekt mit der ESA im Bereich LEO-Satcom-Terminals/Antennen ( link )- A.D.S. International – Überblick über das Portfolio von Antennensystemen und Satcom-Lösungen ( link )- ESA – Information über das NTN Forum im Rahmen von Initiativen für Space for 5G/6G ( link )
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Erstellungszeitpunkt: 2 Stunden zuvor