Stefan Küng gewinnt Vuelta-Zeitfahren, Roglič verkürzt Rückstand auf Mas auf 1:37
Der Schweizer Zeitfahrspezialist Stefan Küng gewann am 10. September die 18. Etappe der Vuelta a España 2026, ein 32,1 Kilometer langes Einzelzeitfahren von El Puerto de Santa María nach Jerez de la Frontera im Süden Spaniens. Der Fahrer des Tudor Pro Cycling Teams absolvierte die Strecke in 35 Minuten und 22 Sekunden und schlug Callum Thornley von Red Bull-Bora-Hansgrohe um lediglich drei Sekunden, während João Almeida vom UAE Team Emirates-XRG mit neun Sekunden Rückstand Dritter wurde. Primož Roglič belegte Rang vier, 19 Sekunden hinter dem Sieger, erreichte im Kampf um die Gesamtwertung jedoch ein wichtigeres Ziel: Er holte 33 Sekunden auf Enric Mas auf, überholte Felix Gall und rückte drei Etappen vor Schluss auf den zweiten Platz vor. Mas fuhr jedoch ein deutlich besseres Zeitfahren, als viele erwartet hatten, und behielt das Rote Trikot mit 1:37 Vorsprung auf den viermaligen Vuelta-Sieger.
Küng auf der außergewöhnlich schnellen Strecke nach Jerez am schnellsten
Die offiziellen Daten der Vuelta zeigen, dass 149 Fahrer am Start standen und die 32,1 Kilometer lange Strecke lediglich 217 Höhenmeter aufwies. Ein solches Profil begünstigte starke Zeitfahrer und hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten, dennoch blieben die Abstände zwischen den Besten sehr gering. Thornley setzte früh eine Zeit von 35:25 und blieb lange in Führung, nachdem er die Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 54 Kilometern pro Stunde absolviert hatte. Küng stoppte anschließend die Uhr bei 35:22 und übernahm die Spitze, und keiner der später gestarteten Fahrer konnte ihn noch vom ersten Platz verdrängen. Almeida lag neun Sekunden zurück, Roglič 19 und Wout van Aert 20 Sekunden, was zeigt, dass den Sieger von mehreren seiner engsten Rivalen nur wenige Sekunden trennten.
Für den 32-jährigen Küng ist es der zweite Etappensieg bei der Vuelta und zugleich sein zweiter Sieg bei einer Grand Tour. Den ersten holte er im abschließenden Zeitfahren der Vuelta 2024 in Madrid, als er über 24,6 Kilometer 31 Sekunden schneller als Roglič war. Der Slowene hatte damals dennoch einen wesentlich wichtigeren Grund zum Feiern, weil er seinen vierten Gesamtsieg beim dreiwöchigen spanischen Rennen errang. Zwei Jahre später war Küng erneut der Schnellste in jener Disziplin, in der er seit Jahren zur Weltelite gehört, und die offizielle Vuelta erinnerte außerdem daran, dass er zweifacher Europameister im Zeitfahren ist. Nach seinem Sieg in Jerez betonte er, das Ergebnis sei das Produkt der Arbeit der gesamten Mannschaft, insbesondere jener Menschen, die an der Entwicklung der Ausrüstung und der Vorbereitung auf das Zeitfahren arbeiten. Zudem hob er hervor, dass es auf einer derart schnellen Strecke entscheidend gewesen sei, kostspielige Fehler zu vermeiden.
Küng räumte ein, nach dem zweiten Anstieg einen schwierigen Moment gehabt und mehrere Kurven schlechter eingeschätzt zu haben, als er es sich gewünscht hätte, konnte jedoch wieder in seinen Rhythmus finden. Gerade die Fähigkeit, über die gesamte Strecke eine hohe Geschwindigkeit zu halten, machte am Ende den Unterschied gegenüber Thornley aus. Für das Tudor Pro Cycling Team besitzt der Sieg zusätzlichen Wert, weil es der zweite Etappenerfolg der Mannschaft bei der diesjährigen Vuelta ist, nach dem Triumph von Marco Brenner auf der Sierra de La Pandera in der 14. Etappe. Küngs Ergebnis bestätigt zugleich, wie wichtig bei flacheren Zeitfahren Aerodynamik, Position auf dem Fahrrad, Linienwahl und die Fähigkeit, die Leistung aufrechtzuerhalten, sind, wenn die führenden Fahrer nur wenige Sekunden voneinander trennen.
Roglič gewinnt Zeit, doch Mas begrenzt den Schaden
Die größte sportliche Spannung der 18. Etappe spielte sich jedoch im Kampf um das Rote Trikot ab. Mas ging mit 2:06 Vorsprung auf Felix Gall und 2:10 auf Roglič ins Zeitfahren, weshalb erwartet wurde, dass der Slowene als ausgewiesener Zeitfahrspezialist die Gelegenheit haben würde, seinen Rückstand deutlich zu verkürzen. Roglič war tatsächlich der Beste unter den Anwärtern auf den Gesamtsieg und belegte in der Etappe den vierten Platz, doch Mas erlitt keinen Einbruch, der ein völlig neues Rennen eröffnet hätte. Der Spanier wurde Zwölfter der Etappe, 52 Sekunden hinter Küng, was bedeutet, dass er 33 Sekunden an Roglič verlor. Nach 18 Etappen führt Mas mit einer Gesamtzeit von 60 Stunden, 45 Minuten und 58 Sekunden, Roglič ist mit 1:37 Rückstand Zweiter und Gall mit 3:01 Dritter.
Mas' Leistung ist besonders wichtig, weil das Einzelzeitfahren traditionell nicht zu seinen stärksten Disziplinen gehört. Laut einer Analyse von Cyclingnews baute Roglič im ersten Teil der Strecke einen deutlich größeren Zeitvorsprung auf, doch der Führende des Rennens stabilisierte sein Tempo im mittleren und letzten Abschnitt und verhinderte, dass der Abstand im gleichen Tempo weiter anwuchs. Nach der Etappe erklärte Mas in einer offiziellen Stellungnahme der Vuelta, er sei mit der verlorenen Zeit zufrieden, weil sie innerhalb des Bereichs liege, den sein Team für akzeptabel gehalten habe. Gleichzeitig wies er die Möglichkeit zurück, dass das Rennen bereits entschieden sei, und betonte, dass ein Vorsprung von 1:37 angesichts der zwei schweren Etappen vor dem Schlusstag in Granada nicht groß sei.
Roglič sorgte mit dem Zeitfahren noch für eine weitere wichtige Veränderung: Er überholte Gall in der Gesamtwertung. Der Österreicher, der vor der Etappe Zweiter gewesen war, erwischte im Kampf gegen die Uhr einen deutlich schwächeren Tag und wurde 26., mit 1:47 Rückstand auf Küng. Gegenüber Roglič verlor er 1:28, sodass er nun 3:01 hinter Mas und 1:24 hinter Roglič liegt. Hinter den ersten drei folgen Richard Carapaz mit 5:17 und Oscar Onley mit 6:03, während Jakob Omrzel mit sieben Minuten Rückstand Sechster ist. Diese Konstellation erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der abschließende Kampf um den Sieg vor allem zu einem taktischen Duell zwischen Movistar und Red Bull-Bora-Hansgrohe wird, obwohl das bergige Profil der kommenden Tage auch größere Verschiebungen unter den Fahrern ermöglicht, die um das Podium kämpfen.
Mas' Rotes Trikot prägt die Vuelta seit Pogačars Sturz
Mas übernahm die Führung bei der Vuelta 2026 am 29. August nach dem dramatischen Finale der achten Etappe, als der damalige Spitzenreiter Tadej Pogačar etwas mehr als 30 Kilometer vor dem Ziel auf der Etappe von Puçol nach Xeraco stürzte. Pogačar versuchte weiterzufahren, musste das Rennen jedoch wegen Verletzungen am linken Arm und an der Schulter aufgeben. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Slowene drei Etappensiege erzielt und das Rote Trikot getragen, und sein Ausscheiden aus dem Rennen veränderte den Kampf um die Gesamtwertung vollständig. Die offizielle Vuelta erklärte damals, Mas sei der erste spanische Fahrer im Roten Trikot seit Jesús Herrada im Jahr 2018.
Einen Tag später festigte Mas seinen Status als Spitzenreiter zusätzlich mit einem Sieg am Anstieg zum Alto de Aitana. Laut dem offiziellen Rennbericht war er der erste spanische Fahrer seit Alberto Contador 2014, der eine Vuelta-Etappe im Roten Trikot gewann. Während der folgenden Bergetappen behielt er die Kontrolle über das Rennen, und am Calar Alto in der 12. Etappe gelang es ihm erneut, Zeit auf Roglič und Gall gutzumachen. Obwohl sich die Abstände in der Gesamtwertung anschließend veränderten, war die 18. Etappe im Voraus als eine der größten Prüfungen für Mas' Führung bezeichnet worden, gerade weil Roglič in der Vergangenheit Zeitfahren regelmäßig genutzt hatte, um große Abstände herauszufahren.
Für Mas hätte ein möglicher Gesamtsieg auch eine größere historische Bedeutung. Der letzte spanische Sieger der Vuelta war Alberto Contador im Jahr 2014, und Mas stand bei seinen bisherigen Teilnahmen bereits viermal auf dem abschließenden Podium der spanischen Grand Tour. Roglič dagegen versucht, der erste Fahrer mit fünf Gesamtsiegen zu werden. Er gewann die Titel 2019, 2020, 2021 und 2024 und stellte damit den Rekord von Roberto Heras ein. Deshalb sind die abschließenden Bergetappen nicht nur ein Kampf um das diesjährige Rote Trikot, sondern auch die Chance auf zwei unterschiedliche historische Ergebnisse: das Ende der langen Zeit ohne spanischen Sieger oder Rogličs alleiniger Sprung an die Spitze der Liste der erfolgreichsten Vuelta-Fahrer.
Peñas Blancas ist die erste von zwei abschließenden Bergprüfungen
Bereits am 11. September erwartet das Peloton die 19. Etappe von Vélez-Málaga nach Peñas Blancas oberhalb von Estepona über 210,8 Kilometer. Die Organisatoren klassifizieren sie als wellige Etappe mit Bergankunft, doch die Zahlen zeigen, dass sie für die Führenden der Gesamtwertung zu einer echten Ausdauerprüfung wird. Das offizielle Profil umfasst den Puerto de las Abejas, einen Anstieg der zweiten Kategorie über rund 14,5 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von 4,3 Prozent, danach den Puerto del Viento, ebenfalls der zweiten Kategorie, sowie den Schlussanstieg nach Peñas Blancas. Der letzte Berg ist 18,7 Kilometer lang, weist durchschnittlich 6,5 Prozent Steigung auf und endet auf 1.268 Metern über dem Meeresspiegel. Laut Vorschau der Vuelta umfasst die Etappe rund 4.000 Höhenmeter.
Für Roglič bietet ein solches Terrain eine Gelegenheit, die er im Zeitfahren nicht vollständig nutzen konnte. Ein Rückstand von 1:37 ist groß genug, damit Mas defensiv fahren kann, aber nicht so groß, dass ein starker Angriff, ein schwacher Moment des Spitzenreiters oder eine taktische Isolation am langen Schlussanstieg ohne Folgen blieben. Movistar muss daher frühe Angriffsversuche kontrollieren und gleichzeitig genügend Helfer für die letzten rund zwanzig Kilometer bewahren. Red Bull-Bora-Hansgrohe kann seinerseits versuchen, den Druck bereits an den vorherigen Anstiegen durch hohes Tempo zu erhöhen oder Mas dazu zu zwingen, vor Peñas Blancas Energie zu verbrauchen. Auch Gall, Carapaz und Onley haben ein Interesse daran, aggressiv zu fahren, weil ihre Positionen in der Gesamtwertung noch nicht völlig abgesichert sind.
Peñas Blancas wird nicht die letzte Gelegenheit für eine Wende sein. Die vorletzte, 20. Etappe am 12. September führt über 186,8 Kilometer von La Calahorra zum Collado del Alguacil und ist offiziell als Bergetappe eingestuft. Die Strecke umfasst den Puerto de los Blancares, zwei Überquerungen des El Purche, einen 8,2 Kilometer langen Anstieg der ersten Kategorie mit durchschnittlich 8,1 Prozent, danach den Puerto de El Duque über 7,4 Kilometer mit 8,3 Prozent sowie den abschließenden Collado del Alguacil. Der letzte Anstieg ist 8,3 Kilometer lang, im Durchschnitt 9,8 Prozent steil und wird von den Organisatoren in die höchste Sonderkategorie eingestuft. Gerade diese Etappe mit einer Serie steiler Anstiege und einer Zielankunft auf 1.884 Metern könnte die letzte realistische Gelegenheit für große Abstände zwischen den Anwärtern auf den Gesamtsieg sein.
Finale in Granada folgt nach der Entscheidung in den Bergen
Wenn Mas das Rote Trikot nach der 20. Etappe behält, dürfte der Schlusstag für ihn deutlich günstiger sein. Die letzte, 21. Etappe findet am 13. September auf einer 112 Kilometer langen flachen Strecke von Carrefour Granada nach Granada statt. Die Organisatoren haben sie als flache Etappe klassifiziert, was bedeutet, dass die größten Veränderungen unter den Führenden zuvor in den Bergen Andalusiens erwartet werden. Im üblichen Szenario der Schlusstage von Grand Tours belohnt eine solche Etappe eher die Sprinter und dient als abschließende Feier des Gesamtsiegers, obwohl bis zur Ziellinie sportliche Risiken wie Stürze, mechanische Probleme oder unerwartete taktische Situationen bestehen bleiben.
Nach dem Zeitfahren in Jerez befindet sich Mas deshalb in einer besseren Position als vor dem Start der Etappe, obwohl Roglič seinen Vorsprung verkürzt hat. Der Grund ist einfach: Der Slowene hatte ein Terrain, das ihm auf dem Papier ausgesprochen gut lag, gewann jedoch nur 33 Sekunden, während die Zahl der verbleibenden Angriffsmöglichkeiten geringer geworden ist. Gleichzeitig sind die beiden folgenden Bergetappen anspruchsvoll genug, dass keine Mannschaft 1:37 als sicheren Vorsprung betrachten kann. Genau davor warnte Mas nach dem Ziel und erklärte, sein Team müsse bis zum Ende vollkommen konzentriert bleiben.
In diesem gesamten Kampf um das Rote Trikot holte Küng den Etappenruhm, während Roglič und Mas ein Ergebnis erzielten, das das Rennen offenhält. Der Schweizer bestätigte mit seinem zweiten Vuelta-Sieg seinen Status als einer der besten Zeitfahrer seiner Generation, Roglič tat, was er tun musste, um ein ernsthafter Anwärter auf den Gesamttitel zu bleiben, und Mas zeigte, dass er seine Verluste sogar in jener Disziplin begrenzen kann, die ihm am wenigsten liegt. Nach 18 Etappen beträgt der Abstand zwischen den ersten beiden 97 Sekunden. Die Entscheidung verlagert sich nun von den flachen Straßen rund um Jerez auf die langen und steilen Anstiege Andalusiens, wo sich innerhalb von zwei Tagen entscheiden wird, ob Mas die spanische Serie ohne Sieger beendet oder Roglič eine weitere Gelegenheit auf seinen rekordträchtigen fünften Titel erhält.
Quellen:
- La Vuelta - offizieller Bericht zur 18. Etappe, Ergebnis des Zeitfahrens und Stand der Gesamtwertung (Link)
- La Vuelta - Stellungnahme von Stefan Küng nach seinem Sieg in Jerez (Link)
- La Vuelta - Stellungnahme von Enric Mas nach dem Zeitfahren und Einschätzung des abschließenden Kampfes um das Rote Trikot (Link)
- La Vuelta - offizieller Bericht zur 8. Etappe und zum Ausscheiden von Tadej Pogačar (Link)
- La Vuelta - offizielles Profil der 19. Etappe Vélez-Málaga - Peñas Blancas (Link)
- La Vuelta - offizielles Profil der 20. Etappe La Calahorra - Collado del Alguacil (Link)
- La Vuelta - offizielles Profil der abschließenden 21. Etappe in Granada (Link)
- La Vuelta - offizieller Bericht zur 9. Etappe und zu Mas' Sieg am Alto de Aitana (Link)
- La Vuelta - Bericht über das abschließende Zeitfahren der Vuelta 2024 und historischer Kontext der Ergebnisse von Küng und Roglič (Link)
- Cyclingnews - Ergebnisse der 18. Etappe und Analyse des Kampfes um die Gesamtwertung (Link)