In eine neue Phase des italienischen Raumfahrtprogramms IRIDE, einer ambitionierten „Konstellation von Konstellationen“, die für systematische Erdbeobachtungen für die Bedürfnisse der öffentlichen Verwaltung und der Wirtschaft bestimmt ist, ist die zweite operative Gruppe der Eaglet II-Satelliten eingetreten. Acht neue Raumfahrzeuge starteten am 28. November 2025 um 19:44 Uhr mitteleuropäischer Zeit im Rahmen einer gemeinsamen Transportmission (Rideshare) einer Falcon 9-Rakete von der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien. Damit wurde dem niedrigen Erdorbit eine neue optische Komponente von IRIDE hinzugefügt, und die Gesamtzahl der Missionssatelliten erreichte sechzehn – nach dem Pathfinder (Januar) und sieben Mitgliedern der ersten operativen HEO-Konstellation (Juni).
Was der neue Start bringt: technische Auswirkungen und institutionelles Ziel
Eaglet II gehört zur multispektralen, hochauflösenden optischen Linie von IRIDE. Jeder Satellit hat die Größe einer Haushaltsmikrowelle, eine Masse von etwa 25 kg und verfügt über ein elektrooptisches Teleskop, das Aufnahmen mit einer räumlichen Bodenauflösung von bis zu etwa 2 m ermöglicht (Ground Sample Distance < 2 m). Neben der primären optischen Mission ist auch ein Automatic Identification System (AIS)-Empfänger zum Empfangen und Weiterleiten von Nachrichten über Schiffspositionen integriert. Eine solche Kombination ermöglicht es, dieselbe Szene an Land im Detail zu beobachten, während gleichzeitig auf See Signale über den tatsächlichen Verkehr gesammelt werden, was besonders nützlich für die Sicherheit der Schifffahrt, die Fischereiüberwachung, die Bekämpfung von Verschmutzung und den Kampf gegen illegale Aktivitäten ist.
Die Raumfahrzeuge werden im niedrigen Erdorbit (LEO) in sonnensynchronen Ebenen in etwa 500 km Höhe arbeiten. Eine solche Geometrie ermöglicht eine stabile Beleuchtung der Szenen und eine effiziente Zusammenstellung mehrfacher Aufnahmen desselben Gebiets (multitemporale Analyse). Im operativen Modus sind doppelte lokale Überflugzeitpunkte geplant, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass kritische Ereignisse – wie Überschwemmungen, Erdrutsche oder Waldbrände – innerhalb der operativen Fenster der Katastrophenschutzdienste aufgezeichnet werden. Die nominalen Höhen für diese Art von Plattform bewegen sich um 467–525 km, wobei auch die gezielten lokalen Knoten (morgens und nachmittags) für eine konsistente Beleuchtung und optimale Datennutzung auf staatlicher Ebene abgestimmt sind.
Rideshare mit der HydroGNSS-Mission und griechischen ICEYE-Satelliten
Der Start von Eaglet II wurde als Teil der SpaceX-Mission Transporter-15 durchgeführt, die auch eine Reihe internationaler Nutzlasten in den Orbit brachte. Unter ihnen sticht HydroGNSS hervor, das erste Scout-Projekt der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) im Rahmen des FutureEO-Programms. Zwei HydroGNSS-Satelliten nutzen die Technik der GNSS-Reflektometrie (GNSS-R), um unabhängig von Wolken und Beleuchtung wichtige hydrologische Variablen zu schätzen: Bodenfeuchtigkeit, Gefrier- und Auftauzustände im Permafrost, Überschwemmungsflächen und Feuchtgebiete sowie Biomasse. Im selben Rideshare wurde auch ein Teil des griechischen nationalen Kleinsatellitenprogramms gestartet – Radarsatelliten, die von der Firma ICEYE entwickelt wurden, wodurch der Flug eine zusätzliche regionale Dimension der Zusammenarbeit bei der Erdbeobachtung erhielt.
Von HEO bis Eaglet II: wie IRIDE wächst
IRIDE ist seit Dezember 2021 ein strategisches Projekt der italienischen Regierung, das von der ESA mit Unterstützung der Italienischen Raumfahrtagentur (ASI) koordiniert wird, mit Finanzierung aus dem Nationalen Plan für Aufbau und Resilienz (PNRR) und dem begleitenden Nationalen Ergänzungsplan. Nachdem im Januar 2025 der HEO Pathfinder im Orbit angekommen war, setzte am 23. Juni 2025 eine Falcon 9 von SpaceX während einer Mission von Vandenberg aus die ersten sieben operativen Satelliten der HEO-Konstellation aus. Damit wurde das Fundament des optischen Segments von IRIDE gelegt. Durch das Hinzufügen von acht Eaglet II wird das Netzwerk mit Schwerpunkt auf schnelleren Wiederholungsüberflügen (Revisit) über der Apenninhalbinsel und dem Mittelmeer erweitert, während gleichzeitig die Kontinuität der optischen Daten komplementär zu den geplanten Radar- und Hyperspektralelementen aufrechterhalten wird.
Die Rolle der Industrie: OHB Italia als Träger und die Wertschöpfungskette des Konsortiums
Führender Auftragnehmer (Prime) der Eaglet II-Serie ist OHB Italia, in Partnerschaft mit einer Reihe heimischer Unterauftragnehmer und akademischer Institutionen. Das Industriedesign stützt sich auf eine modulare Multimissionsplattform geringer Masse, was eine schnelle Produktion und Integration mehrerer Satellitenserien in kurzen PNRR-Fristen ermöglichte. Das elektrooptische System ist für zuverlässige multispektrale Aufnahmen mit Meterauflösung konzipiert, während der AIS-Empfänger Schiffsnachrichten in Echtzeit sammelt und weiterleitet. Eine solche Architektur eignet sich auch für operative Szenarien von Notfalleinsätzen, da die optischen und AIS-Schichten in derselben Raum-Zeit-Matrix genutzt werden können. Ein Niedriglatenz-X-Band gewährleistet eine schnelle Datenübermittlung an das Bodensegment und deren Aufbereitung für die Verteilung an die Endnutzer.
Technische Merkmale und operative Architektur
- Instrumentierung: Multispektrales optisches Teleskop (GSD < 2 m) und AIS-Empfänger; doppelter Zweck – Landszenen hoher Auflösung und Seeverkehr.
- Plattform und Masse: Mikrosatellit (~25 kg) auf einer modularen Multimissionsplattform; Format geeignet für Serienproduktion und schnelle Integration.
- Orbit: Sonnensynchrone Bahnen um 500 km (nominal ~467–525 km), mit entworfenen lokalen Überflugzeiten für maximale Nutzbarkeit der Daten für italienische operative Dienste.
- Daten und Latenz: Schnelle Lieferung an das Bodensegment (Downstream) mit Prioritäten für Rettungsdienste und Frühwarnsysteme; Interoperabilität mit anderen IRIDE-Konstellationen (SAR, hyperspektral u. a.).
- Lebensdauer und Wartung: Etwa drei Jahre nominaler Betrieb pro Satellit; die Flotte wird in Phasen aufgefüllt und erneuert („staggered deployment“), um eine kontinuierliche Abdeckung und Wiederholbarkeit der Orbits sicherzustellen.
Warum die Kombination aus Optik und AIS besonders ist
An Land ermöglicht der optische Kanal mit einem Detailgrad im Meterbereich eine präzise Kartierung der Bodenbedeckung, die Überwachung kritischer Infrastruktur und die Verfolgung von Veränderungen im Raum (Urbanisierung, Erosion, Bodendegradation, invasive Arten). Dieselbe Sensorik generiert in Kombination mit Architekturen des maschinellen Lernens geschichtete Produkte: von der Objekterkennung (z. B. Fahrzeuge, Schiffe, Deiche) bis zur Extraktion thematischer Klassen (landwirtschaftliche Kulturen, Waldbestände, Gewässer). Die AIS-Komponente bringt eine parallele Dimension ein: Sie ermöglicht die Verknüpfung eines bestimmten Vorkommnisses auf See mit der Identität und Bewegung eines konkreten Schiffes, wodurch operativ anwendbare Beweise für Inspektionsdienste, Küstenwache und Häfen gewonnen werden. Die Synergie von Optik und AIS ergänzt sich daher logisch mit den Daten aus den Radar-Konstellationen von IRIDE, die Unabhängigkeit von Beleuchtung und Wolken sowie zusätzliche geometrische Informationen über Oberflächenveränderungen bringen.
Dienste für öffentliche Verwaltung, Katastrophenschutz und Wirtschaft
IRIDE war von Anfang an als staatliches, aber offenes System konzipiert. Die anspruchsvollsten Nutzer sind öffentliche Einrichtungen: von der Abteilung für Katastrophenschutz über Ministerien, die für Umwelt, Landwirtschaft und Verkehr zuständig sind, bis hin zu regionalen Verwaltungen für Wasserwirtschaft und Raumplanung. Operative Dienste benötigen aktuelle Karten von Überschwemmungsfronten, Schadensschätzungen nach Erdbeben, Erfassungen von Erdrutschen und die Überwachung von Dürren. In Küstengebieten sind eine frühe Erkennung von Ölverschmutzungen, die Einschätzung von Algenblüten und die Überwachung von Baustellen im Meeresbereich erforderlich. Das Downstream-Segment von IRIDE ist so konzipiert, dass es thematische Karten, Berichte und Metadaten nach Standards offener Geodienst-Schnittstellen produziert, und Datenrichtlinien fördern die sekundäre Nutzung von Informationen im öffentlichen und privaten Sektor.
Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Schaffung eines Geoinformationsmarktes für kleine und mittlere Unternehmen. Startups und Technologieunternehmen erhalten die Möglichkeit, Anwendungen auf den IRIDE-Ebenen aufzubauen: von intelligenter Landwirtschaft und präziser Bewässerung über die Optimierung von Logistikketten bis hin zu Entwicklungstools für digitale Zwillinge (Digital Twin), die Satellitendaten mit Feldsensoren und Simulationen verbinden. Eine solche „Plattformisierung“ von Daten hat das Potenzial, die Auswirkungen öffentlicher Investitionen zu vervielfachen und Innovationen in einer Reihe von Branchen zu beschleunigen, einschließlich Energie, Bauwesen, Tourismus und Umweltschutz.
Startplatz, Zeit und Chronologie der Ereignisse
Der Start erfolgte von der kalifornischen Basis Vandenberg SFB, mit einer Abflugzeit um 19:44 Uhr mitteleuropäischer Zeit, am 28. November 2025. Da es sich um eine Mission des gemeinsamen Transports mit Dutzenden von Nutzlasten handelt, erfolgten die Satellitentrennungen in schrittweisen Sequenzen während der ersten orbitalen Stunde und darüber hinaus. Der Start konnte live über ESA Web TV verfolgt werden, und offizielle Bekanntmachungen bestätigten den nominalen Verlauf der Ereignisse, einschließlich erfolgreicher getrennter Injektionen in die Zielorbits.
Wo HEO und andere Konstellationen hineinpassen
IRIDE als „Konstellation von Konstellationen“ umfasst sechs Gruppen von Satelliten mit Sensorvielfalt: neben multispektralen optischen Systemen (HEO und Eaglet II) gibt es auch Radarobservationen (SAR), die den Betrieb nachts und durch Wolken ermöglichen, hyperspektrale Aufnahmen für chemische Signaturen von Vegetation und Materialien sowie Infrarotkanäle für thermische Analysen und die Erkennung städtischer Wärmeinseln. Eine solche Mosaikarchitektur bietet die Möglichkeit der Zusammenführung (data fusion) – beispielsweise wird mit SAR eine Bodenverschiebung bemerkt, mit Optik die Veränderung an der Oberfläche verifiziert und hyperspektral nach einer chemischen Signatur gesucht. Dadurch wird die Anzahl falsch positiver Erkennungen verringert und die Zuverlässigkeit der Bewertungen unter realen operativen Bedingungen erhöht.
Fristen des PNRR und industrielles Tempo
Das Programm ist nach strengen vorgegebenen Fristen des PNRR getaktet: Die ESA berichtete, dass alle Verträge bis zum 31. März 2023 abgeschlossen wurden und das System bis Mitte 2026 die operative Reife erreichen soll. Die Stationierung zusätzlicher Satellitenserien wird in Phasen erfolgen, sodass eine stabile operative Anzahl von Raumfahrzeugen trotz des Eintreffens neuer und der geplanten Außerdienststellung älterer Einheiten aufrechterhalten wird. Der Ansatz des „staggered deployment“ ist entscheidend, da er die räumliche und zeitliche Konsistenz der Daten in mehrjährigen Reihen sicherstellt, was eine Voraussetzung für zuverlässige Trendanalysen und evidenzbasierte Entscheidungsfindung ist.
Anwendungsbeispiele: von Überschwemmungen bis zur Stadtplanung
Management von Überschwemmungen und Sturzfluten. Multispektrale Aufnahmen vor/nach dem Ereignis ermöglichen die automatische Extraktion von Wasserflächen und die Schadensschätzung an Verkehrswegen, Brücken und Siedlungen. In Kombination mit Wettervorhersagen und hydrologischen Modellen erhält man eine Grundlage für dynamische Risikokarten und Evakuierungspläne.
Waldbrände. Optische Kanäle enthüllen Brandnarben und Veränderungen in Vegetationsindizes, während die AIS-Schicht bei der Überwachung der Schifffahrt während Evakuierungen, der Verlegung von Feuerwehrressourcen und der Verwaltung von Sicherheitszonen im Küstenbereich hilft.
Landwirtschaft. Durch saisonale Zeitreihen werden Bodenfeuchtigkeit, Pflanzenstress und phänologische Phasen analysiert, was bei der präzisen Düngung und Bewässerung sowie der Reduzierung des Wasser- und Energieverbrauchs hilft. Damit wird auch die Umsetzung der Gemeinsamen Agrarpolitik unterstützt, wo objektive Aufzeichnungen des Zustands der Nutzpflanzen erforderlich sind.
Städtebau und Infrastrukturen. Häufige hochauflösende Aufnahmen helfen bei der Überwachung von Baustellen, der Erkennung illegaler Bauten und der Verfolgung von Verkehrskorridoren; durch die Verbindung mit SAR wird Bodensenkung unter Deichen, Gleisen und einzelnen Brückenabschnitten erkannt.
Meer und Küste. Die Optik identifiziert Ölaustritte und Knotenpunkte der Eutrophierung, während AIS die Verbindung zu konkreten Schiffen in der Interessenzone ermöglicht, wodurch das Inspektionsverfahren beschleunigt und der Einsatz von Schiffen der Küstenwache optimiert wird.
Offenheit der Daten und Ökosystem der Anwendungen
Da IRIDE öffentlichen Institutionen dienen, aber auch die wirtschaftliche Entwicklung ankurbeln soll, geht die Datenarchitektur in Richtung offener Standards (OGC) und Programmierschnittstellen, die für die Integration mit bestehenden nationalen und europäischen Plattformen geeignet sind. Es wird ein Wachstum des Marktes für Dienstleistungen erwartet, die spezialisierte Produkte auf IRIDE basieren – von Systemen für Smart Cities und Katastrophenschutz bis hin zu landwirtschaftlichen Beratungsplattformen. Zudem erhält der Bildungs- und Forschungssektor eine ergiebige Datenquelle für das Training und die Validierung von Modellen des maschinellen Lernens in der Fernerkundung. Durch die Nutzung gemeinsamer Metadatenstandards und Systeme zur Ausgabe von API-Schlüsseln wird der Austausch zwischen nationalen und lokalen Behörden sowie dem privaten Sektor erleichtert.
Breitere Bedeutung: von „Iride“ als Iris bis zum Akronym
Der Name IRIDE ist zugleich das italienische Wort für die Regenbogenhaut (Iris), was auf die beobachtende Natur der Mission und die Optik im Zentrum eines Teils des Systems anspielt. In offiziellen Materialien und der Kommunikation der Partner wird IRIDE auch als Akronym für International Report for an Innovative Defence of Earth gedeutet – ein konzeptioneller Rahmen, der die Mission des öffentlichen Nutzens und der Verteidigung der Umwelt mit Daten aus dem Weltraum betont. Eine solche zweideutige Benennung hilft bei der Popularisierung des Programms innerhalb Italiens und auf der internationalen Bühne.
Was folgt: volle Serien und Ziel-Operabilität
In den kommenden Monaten werden weitere Serien von IRIDE-Unterkonstellationen erwartet, einschließlich Radar- und Hyperspektralelementen, während Eaglet II von der Phase früher Operationen (LEOP/IOC) in die reguläre Datenproduktion übergeht. Die Gesamtzahl der Satelliten im System wird letztendlich sechzig überschreiten, und die von der ESA kommunizierten Pläne sehen vor, dass das System bis Mitte 2026 die volle Operabilität erreicht. Dank des seriellen Ansatzes und der Modularität der Plattformen behält die italienische Industrie einen mit den PNRR-Fristen abgestimmten Lieferrhythmus bei und stellt Wartung und Austausch im Orbit ohne größere Dienstunterbrechungen sicher.
Die Stationierung von acht Eaglet II-Satelliten in einer Mission – parallel zu den bahnbrechenden Klimasatelliten HydroGNSS und Radarelementen des griechischen Programms – ist ein weiteres Zeichen für das Reifen eines Paradigmas, in dem institutionelle Bedürfnisse durch neue, agile Produktions- und Startmodelle schneller befriedigt werden. IRIDE stärkt auf diese Weise nicht nur die nationalen Beobachtungs- und Entscheidungskapazitäten, sondern positioniert den italienischen Raumfahrtsektor auch als zuverlässigen europäischen Lieferanten von Technologie und Dienstleistungen der neuen Generation.
Unterkünfte in der Nähe finden
Erstellungszeitpunkt: 3 Stunden zuvor